Der Filmemacher Sönke Wortmann (66) und der Extrembergsteiger Reinhold Messner (81) haben sich noch nie persönlich getroffen. Das soll sich am 8. Juli 2026 in der Philharmonie Essen ändern: Bei einem Gesprächsabend der Brost-Stiftung unter dem Titel „Kindheit mit Kanten – Wie Herkunft Neugier nährt“ wollen die beiden über ihre Jugendjahre und die prägenden Erfahrungen sprechen. Bereits jetzt verraten sie der BILD, was ihre größten Herausforderungen beim Heranwachsen waren.
Wortmann: Arbeitersiedlung und täglicher Schulweg
„Ich bin in einer Arbeitersiedlung groß geworden. Morgens hatte ich acht Kilometer zum Gymnasium. Das fühlte sich an wie der Weg in eine andere Welt“, erzählt Sönke Wortmann über seine Kindheit im Ruhrgebiet. In Marl wuchs er als Sohn eines Bergmanns auf. „Zu Hause war vieles bodenständig und pragmatisch, in der Schule traf ich auf Mitschüler mit ganz anderen Lebenswelten. Gleichzeitig musste man sich damals unter Jungen auch behaupten. Konflikte wurden direkter ausgetragen als heute – da gab es auch mal einen auf die Nase“, sagt er zu BILD.
Fußball war Wortmanns Kindheits-Hobby und prägte ihn nachhaltig. „Fußball war mein Lebensmittelpunkt. Nach der Schule ging es direkt auf den Bolzplatz, oft bis es dunkel wurde. Der Sport hat mir Respekt verschafft, man wurde unantastbar. Auf dem Platz zählte nur die Leistung. Dieses Gefühl hat mich geprägt“, so der Regisseur, der mit „Das Wunder von Bern“ dem deutschen Fußball ein filmisches Denkmal setzte.
Messner: Enge im Tal und frühe Verantwortung
Reinhold Messner wuchs als eines von neun Geschwistern in einem engen Tal in Südtirol auf. Komfort gab es in der Nachkriegszeit keinen. „Wir trugen Schuhe, deren Sohlen vom Schuster mit speziellen Nägeln am Rand versehen wurden, damit sie sich nicht so schnell abliefen. Bei Schnee und Eis war das hilfreich, im Sommer beschwerlich“, sagt die Alpin-Legende zu BILD.
Früh musste Messner Verantwortung übernehmen: „Wir Großen sind früh ins Internat gekommen. In den Ferien haben wir Hirtendienste in der Schweiz übernommen, um die Eltern finanziell zu unterstützen. Wir wurden zu größter Selbständigkeit erzogen. Mein Vater hatte im Sommer eine Alm gepachtet, auf der wir Kinder uns wie in einer Anarchie frei bewegen konnten. So habe ich schon als Fünfjähriger meinen ersten Dreitausender bestiegen, was meine Mutter mit größter Sorge beobachtete.“
Der Wunsch nach Ausbruch und die Parallelen im Erfolg
Beide Männer eint der Wunsch, auszubrechen. „Wir sind an einer besonders engen Stelle des Grödnertals aufgewachsen. Der Himmel erschien als schmaler Streifen. Diese Enge hat mich horizontsüchtig und gierig nach Licht gemacht“, sagt Messner über seine Prägung. Wortmann, der mit seinem Kultfilm „Der bewegte Mann“ 1994 über sechs Millionen Menschen ins Kino lockte, fand seinen Weg zum Film erst spät: „Ich wusste lange gar nicht, dass man Regisseur werden oder das sogar studieren kann. Dieser Weg war für mich alles andere als selbstverständlich.“
Wortmann sieht Parallelen zwischen Bergsteigen und Filmemachen: „Einen Berg besteigt man Schritt für Schritt. Genauso entsteht auch ein Film. Es gibt Momente, in denen man denkt, das Ziel sei noch unendlich weit entfernt. Aber wenn man weitermacht, kommt irgendwann der Punkt, an dem man den Gipfel oder eben den fertigen Film vor Augen hat. Diese Beharrlichkeit verbindet uns.“
Gesprächsabend in der Philharmonie Essen
Der Gesprächsabend ist in das Projekt „Ruhr Natur“ der Brost-Stiftung eingebettet, das Kindern und Jugendlichen neue Perspektiven und Erfahrungsräume eröffnen soll. Er findet am 8. Juli 2026 in der Philharmonie Essen statt. Neben Wortmann und Messner werden auch die Vorstände Dr. Boris Berger (53) und Prof. Bodo Hombach (73) anwesend sein.



