Kurz nach 21 Uhr donnerte es ein allerletztes Mal im Aztekenstadion. Von den Rängen ertönte ein Gebrüll des stolzen Schmerzes, als die Spieler in Grün ihren kleinen Kreis auflösten und mit Tränen in den Augen zu einer letzten Ehrenrunde vor ihren Fans aufbrachen. Bis zum Ende hatten sie daran geglaubt. „Sí, se puede!“ schallte es am Sonntagabend immer wieder durch die legendäre Arena. Ja, das geht. Ja, wir können. Doch nach 90 pulsierenden Minuten, zwei Elfmetern, einer Roten Karte und fünf Toren musste sich Mexiko geschlagen geben. Der Traum war aus. Die WM war vorbei.
Abschied von der WM-Bühne
Mit dem dramatischen 2:3 gegen England verabschiedete sich nicht nur die Mannschaft aus diesem Turnier, sondern das ganze Land. Das gewittrige, fiebrige Spektakel von Sonntag war auch die letzte Partie auf mexikanischem Boden. Und bei aller Trauer um das Ende des WM-Traums war es auch ein passender Abschluss. „Das fühlte sich nicht wie ein Achtelfinale an, sondern wie ein Finale”, sagte Englands Trainer Thomas Tuchel nach dem Spiel. Nach diesem Abend fragten sich wohl viele, warum das Finale nicht tatsächlich hier stattfindet. In diesem Sommer war Mexiko zum ersten Land der Welt geworden, das zum dritten Mal eine Männer-WM austrug. In diesem Sommer hat Mexiko noch einmal gezeigt, dass es wie kein anderes Land der Welt eine Fußballparty geben kann.
Schattenseiten der WM in Mexiko
Was nicht heißt, dass die WM hier problemlos lief oder die hässlichen Seiten dieses Turniers auch hier nicht zu sehen waren. Aber trotz Trump, Infantino, des VAR und aller anderen grauenhaften Geißeln des modernen Spiels hat dieses Land eine WM gefeiert, die ein bisschen noch an das Gute im Fußball glauben ließ. Selbstverständlich war das nicht. Denn auch hier war das Turnier politisch aufgeladen und nicht unumstritten. Der mexikanische Steuerzahler musste viel blechen, um am Ende eine Nebenrolle in einer hauptsächlich US-amerikanischen Show zu spielen. Und das zu einer Zeit, in der das Verhältnis zum Nachbarn im Norden ohnehin nicht von Leichtigkeit geprägt ist.
Sheinbaums Distanz zur WM
Für Mexikos Präsidentin Claudia Sheinbaum, die das Turnier von ihrem Vorvorgänger und politischen Rivalen geerbt hatte, war die WM immer auch ein potenzielles Fettnäpfchen. Vielleicht auch deshalb pflegte die Staatschefin eine gesunde Distanz. Während die US-Regierung sogar Schiedsrichterentscheidungen kommentierte, ließ sich Sheinbaum nicht einmal im Stadion blicken. Die Karten seien für normale Menschen nicht zu leisten, sagte sie. Ihr Ticket für das erste Spiel hat sie einem fußballbegeisterten Mädchen aus Veracruz geschenkt. Auch am Sonntag verfolgte sie das Spiel bei einem Fanfest. Ihr sei es wichtig, „nah am Volk zu sein”.
Unmut im Land
Das Volk hatte dennoch seine Einwände. Ob streikende Lehrer, Familien von verschwundenen Menschen oder Gentrifizierungsgegner: Viele Mexikaner haben das Turnier genutzt, um ihren Unmut über die Lage der Nation zu äußern. Immer wieder wurde in den letzten Wochen klar, dass Mexiko auch ein kompliziertes und gefährliches Land sein kann. Auch das Spiel am Sonntag stand im Schatten einer Tragödie: Eine Woche zuvor waren vier Menschen bei den Feierlichkeiten nach dem Sieg gegen Ecuador in einem Gedränge ums Leben gekommen. Mit ihrer Scheu vor dem Stadion hat Sheinbaum trotzdem Feingespür gezeigt. Denn dieses Turnier fand nicht nur in den Arenen statt, sondern vor allem auf der Straße. Dort, zwischen den Taco-Ständen, den viralen Enten und den Verkäufern aller möglichen Arten gefälschter Waren, schlug das wahre Herz dieser WM.
Abschied von Trainer Aguirre
„Ich will diese Gelegenheit nutzen, um mich bei allen Mexikanern zu bedanken. Bei denen, die ins Stadion kamen, sowie bei denen, die es nicht konnten“, sagte Javier Aguirre, Mexikos Nationaltrainer, der seinen Rücktritt bekannt gab. Auch am Sonntag war Mexiko-Stadt eine Sinfonie in Grün. Die Hupkonzerte der Autos fingen schon morgens an. An jeder Ecke stand jemand, der Trikots oder riesige Nationalflaggen aus dem Kofferraum seines Autos verkaufte. Drei Stunden vor Anpfiff hatte die Fanzone im Stadtzentrum ihre Kapazität erreicht. Derweil strömten Millionen von Menschen zum Paseo de la Reforma, wo die Behörden 36 Riesenbildschirme errichtet hatten.
Unwetter verzögert Anpfiff
Sogar der strömende Regen und die bedrohlichen Donnerschläge konnten die Freude am Nachmittag nicht trüben. Der Anpfiff wurde durch das Unwetter um eine Stunde verschoben, die Fiesta ging einfach weiter. Als der Stadion-DJ Hits von Oasis, Blur und Queen anstimmte, gab es ohrenbetäubende Buhrufe von den Rängen. Das war doch ihre Party. Die Engländer waren hier nur Gäste.
Niederlage versetzt Fans in Schockstarre
Ein paar Stunden später waren es dann doch die Engländer, die feiern durften. Das Fest war vorbei. Die Menschen strömten in Schockstarre aus dem Stadion und in den Straßen war schon kurz nach elf alles wieder ruhig. Doch wie Trainer Javier Aguirre sagte, konnte der WM-Gastgeber trotzdem erhobenen Hauptes aus dem Turnier treten. Schließlich habe seine Mannschaft „mit dem Herzen von Mexiko“ gespielt. „Es ist sehr schmerzhaft, wenn du so viel Hoffnung hattest und dann auf diese Weise ausscheidest“, sagte der Mann, der nach diesem Turnier abtreten wird. „Aber ich will diese Gelegenheit nutzen, um mich bei allen Mexikanern zu bedanken. Bei denen, die ins Stadion kamen, sowie bei denen, die es nicht konnten. Diese letzten fünf Spiele waren unvergesslich und ich kann mich sehr stolz verabschieden.“
Das mexikanische Sommermärchen mag am Ende im Regen ertrunken sein. Die WM wird auch keines der vielen Probleme dieses Landes gelöst haben. Doch immerhin haben die Mexikaner ein Fest gefeiert. Und zumindest in diesem WM-Land war der Fußball nicht nur eine groteske Maschine von Macht und Geld, sondern auch das großartige, fröhliche und menschliche Spiel, das es eigentlich sein sollte.



