Das Meinungsforschungsinstitut YouGov hat wenige Wochen vor den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin eine umfassende Befragung durchgeführt. Die Ergebnisse, die der Deutschen Presse-Agentur exklusiv vorliegen, zeigen: In Ost und West sind die Ansichten zur Demokratie ähnlich alarmierend. So sehen jeweils zwei von drei Befragten die Demokratie in Deutschland in Gefahr. Das Misstrauen gegenüber den Regierenden ist überwältigend.
Ähnliche Lebenszufriedenheit, unterschiedliche Zukunftserwartungen
Bei der Frage nach der allgemeinen Lebenszufriedenheit sind sich Ost- und Westdeutsche einig: 47 Prozent der West- und 48 Prozent der Ostdeutschen geben an, zufrieden zu sein. Weitere 29 bzw. 28 Prozent sind sehr oder voll und ganz zufrieden. Wenig oder überhaupt nicht zufrieden sind jeweils 23 Prozent. Auch beim persönlichen Optimismus für die nächsten zwölf Monate liegen die Werte nah beieinander: 43 Prozent im Westen und 40 Prozent im Osten blicken eher oder sehr optimistisch auf ihre eigene Situation.
Doch beim Blick auf das Land sind die Deutschen deutlich pessimistischer: 57 Prozent im Westen und 63 Prozent im Osten sind sehr oder eher pessimistisch für Deutschland in den nächsten zwölf Monaten. Nur 11 bzw. 9 Prozent sind optimistisch. Drei von vier Befragten (73 Prozent West, 78 Prozent Ost) sehen das Land in die falsche Richtung entwickeln. Die größten Sorgen betreffen die Absicherung im Alter (59 Prozent West, 63 Prozent Ost), bezahlbares Wohnen (40 zu 41 Prozent) und Kriminalität (26 zu 30 Prozent). Die Angst vor Arbeitsplatzverlust teilen jeweils 12 Prozent.
Deutliche Unterschiede: Selbsteinschätzung und Respekt
Die Befragten in Ostdeutschland schätzen ihren gesellschaftlichen Rang niedriger ein. Niemand (0 Prozent) von ihnen sieht sich auf einer Skala von 1 bis 10 an der Spitze; im Westen sind es immerhin 1 Prozent. Auf den unteren Stufen 1 bis 4 verorten sich 29 Prozent der Westdeutschen, aber 35 Prozent der Ostdeutschen. Zudem fühlen sich Ostdeutsche stärker missachtet: 36 Prozent stimmen der These zu, dass die Menschen im Rest Deutschlands nicht respektieren, wie die Leute in ihrer Region leben. Im Westen sind es nur 23 Prozent.
Die Unzufriedenheit mit öffentlichen Dienstleistungen ist im Osten fast durchgängig höher, etwa bei Sicherheit, Gesundheitsversorgung oder Verwaltung. Eine Ausnahme ist bezahlbares Wohnen: Hier sind Westdeutsche frustrierter – nur 18 Prozent sind zufrieden, im Osten sind es 23 Prozent.
Demokratieverständnis und Systemvertrauen
36 Jahre nach der Deutschen Einheit sehen Ostdeutsche die Demokratie skeptischer. Der Aussage „Die Demokratie ist jeder anderen Regierungsform vorzuziehen“ stimmen 73 Prozent der Westdeutschen, aber nur 62 Prozent der Ostdeutschen zu. Eine „starke Führungspersönlichkeit“ ohne Rücksicht auf Parlament oder Wahlen befürworten 13 Prozent im Westen und 17 Prozent im Osten. Besonders besorgniserregend: 51 Prozent der Ostdeutschen sehen die Meinungsfreiheit ernsthaft gefährdet (Westen 44 Prozent), 49 Prozent das Mehrheitsprinzip (41 Prozent), 45 Prozent die Pressefreiheit (36 Prozent) und 39 Prozent die Rechtsstaatlichkeit (32 Prozent).
Das Misstrauen in die Bundesregierung ist enorm: 60 Prozent der West- und 70 Prozent der Ostdeutschen trauen ihr eher nicht oder überhaupt nicht. Dem Bundestag misstrauen 53 bzw. 62 Prozent, den Parteien 71 bzw. 76 Prozent, Politikern 75 bzw. 78 Prozent. Positive Werte erzielen nur örtliche Bürgermeister (63 Prozent West, 55 Prozent Ost) und Gerichte (67 zu 60 Prozent). Die Polizei genießt bei 78 Prozent im Westen und 72 Prozent im Osten Vertrauen.
Veränderungswunsch und Zukunftssorgen
Mehr als die Hälfte der Ostdeutschen (54 Prozent) finden, dass das politische System in Deutschland in vielen Punkten oder vollständig verändert werden muss. Im Westen sind es 42 Prozent. Zwei von drei Befragten (66 Prozent West, 71 Prozent Ost) glauben nicht, dass Politiker sich bemühen, die Interessen der Bevölkerung zu vertreten. Rund acht von zehn bezweifeln den Kontakt der Politiker zur Bevölkerung. 66 Prozent im Westen und 71 Prozent im Osten sehen die Demokratie in Gefahr.
Als Schwäche des demokratischen Systems nennen 50 Prozent im Westen und 56 Prozent im Osten Korruption und Fehlverhalten von Politikern. Nur wenige trauen den Parteien zu, die wichtigsten Aufgaben zu lösen: SPD, Grüne, Linke, BSW und FDP erreichen einstellige Werte. Die AfD liegt bei der Lösungskompetenz mit 18 Prozent im Westen und 28 Prozent im Osten vorn, die Union mit 18 Prozent im Westen und nur 10 Prozent im Osten. 23 Prozent im Westen und 25 Prozent im Osten sehen in keiner Partei Lösungskompetenz.



