Chronische Schmerzen und ADHS: Ein unterschätzter Zusammenhang
Millionen Menschen in Deutschland leiden unter chronischen Schmerzen wie Migräne, Rückenschmerzen, Reizdarm oder Fibromyalgie. Laut der Deutschen Schmerzgesellschaft und der Deutschen Gesellschaft für Schmerz- und Palliativmedizin sind es mehr als 23 Millionen Betroffene. Oft bleibt die erhoffte Besserung trotz zahlreicher Diagnostik- und Therapieversuche aus. Eine mögliche, bislang selten beachtete Ursache: eine unbehandelte ADHS-Symptomatik.
Dr. Astrid Neuy-Lobkowicz: „Selbstzerfleischung erzeugt Anspannung“
Die Fachärztin für Psychosomatik und Psychotherapie Dr. Astrid Neuy-Lobkowicz behandelt seit über 30 Jahren Menschen mit ADHS. Sie erklärt: „Chronische Schmerzen und ADHS haben auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun – das eine betrifft den Körper, das andere sitzt im Kopf. Und doch tritt beides auffällig oft gemeinsam auf.“ Die ständige innere Unruhe und Anspannung bei ADHS könne zu muskulären Verspannungen führen, die wiederum Schmerzen verursachen. „Selbstzerfleischung erzeugt Anspannung“, so die Expertin.
Die unterschätzte Rolle von ADHS bei Schmerzpatienten
Viele Betroffene durchlaufen jahrelange Odysseen von Arztbesuchen, ohne dass eine körperliche Ursache gefunden wird. Dabei könnte ADHS der Schlüssel sein. Laut Dr. Neuy-Lobkowicz zeigen Studien, dass ADHS-Patienten ein deutlich erhöhtes Risiko für chronische Schmerzerkrankungen haben. Die typische ADHS-Symptomatik mit Impulsivität, Konzentrationsstörungen und emotionaler Dysregulation geht oft mit einem erhöhten Muskeltonus und einer gestörten Schmerzverarbeitung einher.
Was Betroffenen wirklich hilft
Die Expertin empfiehlt, bei chronischen Schmerzen ohne klare somatische Ursache auch an ADHS zu denken. Eine gezielte ADHS-Diagnostik und -Therapie, etwa mit Medikamenten und Psychotherapie, könne nicht nur die ADHS-Symptome lindern, sondern auch die Schmerzen reduzieren. „Wenn die innere Anspannung nachlässt, entspannen sich die Muskeln – und die Schmerzen werden weniger“, so Dr. Neuy-Lobkowicz. Auch Entspannungsverfahren, Sport und eine strukturierte Tagesroutine können helfen.
Häufigkeit von ADHS und chronischen Schmerzen
In Europa leidet in jedem dritten Haushalt ein Mensch unter chronischen Schmerzen. Die Dunkelziffer von nicht diagnostiziertem ADHS bei Erwachsenen ist hoch. Dr. Neuy-Lobkowicz appelliert: „Betroffene sollten sich nicht scheuen, auch eine psychosomatische Ursache abklären zu lassen. ADHS ist behandelbar – und damit oft auch der Schmerz.“



