Globale Antibiotika-Krise: Überverbrauch und Mangel zugleich
Antibiotika: Überverbrauch und Mangel weltweit

Antibiotika werden weltweit nicht optimal eingesetzt. Während in ärmeren Ländern der Zugang zu lebensrettenden Antibiotika fehlt, verbrauchen wohlhabende Nationen wie Deutschland zu viele Mittel aus der mittleren Kategorie, was Resistenzen fördert. Dies geht aus einer Studie im Fachjournal „The Lancet Public Health“ hervor.

Studie analysiert Antibiotika-Nutzung in 186 Ländern

Das Forschungsteam um Aislinn Cook von der City St George's, University of London, orientierte sich an den drei WHO-Kategorien: „Access“ (einfache Mittel für häufige Infektionen), „Watch“ (speziellere Mittel mit höherem Resistenzrisiko) und „Reserve“ (letzte Mittel bei schweren Infektionen durch multiresistente Erreger). Die Forscher nutzten Datenbanken zur Antibiotika-Nutzung in 186 Ländern und teilten diese in vier Cluster nach Einkommen, soziodemografischen Daten, Infektionslast und Resistenzen ein. Fehlende Daten wurden durch Modellrechnungen ergänzt.

Deutschland verbraucht zu viele Watch-Antibiotika

Die Studie ermittelte Referenzländer mit geringer Infektionssterblichkeit und niedrigem Antibiotikaverbrauch: Für wohlhabende Länder war dies die Schweiz, für andere Marokko. Im Vergleich dazu nutzten 66 von 67 untersuchten Ländern mit umfangreichen Daten zu viele „Watch“-Antibiotika – darunter auch Deutschland. „Überverbrauch und mangelnder Zugang werden in der Studie deutlich“, erklärte Tim Eckmanns vom Robert-Koch-Institut. „Deutschland verbraucht etwas zu viele Antibiotika insgesamt und deutlich zu viele Watch-Antibiotika. Dies liegt auch daran, dass in den Leitlinien oft Watch-Antibiotika empfohlen werden, obwohl Access-Antibiotika angebracht wären.“

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Mangel an Reserve-Antibiotika in vielen Ländern

Etwa die Hälfte der untersuchten Länder verwendete weniger „Reserve“-Antibiotika als angemessen, was auf fehlenden Zugang hindeutet. Knapp die Hälfte der Länder setzte weniger „Access“-Antibiotika ein als nötig. Den globalen Bedarf schätzen die Wissenschaftler auf 43 Milliarden Tagesdosen im Jahr 2019 – bei einer Weltbevölkerung von weniger als acht Milliarden entspricht dies grob einer Antibiotika-Kur pro Person und Jahr. Zum Vergleich: 2018 wurden etwa 40,2 Milliarden Tagesdosen verbraucht.

Reserve-Antibiotika für Kriegsverletzte aus der Ukraine

Mathias Pletz vom Universitätsklinikum Jena wies darauf hin, dass in Deutschland viele ukrainische Kriegsverletzte mit multiresistenten Erregern behandelt wurden, die viele Reserve-Antibiotika benötigten. Da die Studie Daten von 2019 nutzt, ist dieser Effekt nicht enthalten. „Das zeigt grundsätzlich, wie anfällig diese Normierung für solche Verzerrungen ist“, so Pletz. Die Autoren hätten diese Art von Verzerrungen nicht berücksichtigt.

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