Die aktuelle Hitzewelle in Deutschland sorgt für historische Temperaturrekorde und massive Auswirkungen auf Gletscher, Gesundheit und Infrastruktur. Am Samstag erwartet das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe eine „extreme Wärmebelastung“, insbesondere im dicht bebauten Stadtgebiet von Berlin. Für Sonntag prognostizieren Meteorologen in der Lausitz Höchsttemperaturen bis zu 42 Grad. Bereits am Freitag wurde mit 41,3 Grad in Saarbrücken-Burbach der bisher heißeste Tag in Deutschland gemessen, wie der Deutsche Wetterdienst (DWD) bestätigte.
Gletscher in den Alpen: Rekordschmelze durch Hitzewelle
Die Hitzewelle setzt auch den Alpengletschern massiv zu. Der Schweizer Gletscherforscher Matthias Huss rechnet in diesem Jahr mit einem „sehr starken Eisverlust“. Voraussichtlich schon am 29. Juni seien die winterlichen Schneereserven der Gletscher aufgebraucht – danach verlieren sie beim Schmelzen an Masse. Dieser sogenannte Gletscherschwundtag trat bisher nur einmal, im Jahr 2022, so früh ein. Huss, Leiter des Schweizer Gletschermessdienstes Glamos, führt dies auf die aktuelle Hitzewelle, die Hitzewelle im Mai und den schneearmen Winter zurück. „Wir beobachten enorme Abtragungs- und Schmelzraten von Eis und Schnee im gesamten Alpenraum“, sagte Huss. Die Schmelze setze etwa drei Monate früher ein, als für die Gletscher „gesund“ wäre. Am Rhone-Gletscher habe man in nur zehn Tagen einen Meter Eisverlust in der Vertikalen festgestellt. „Das ist sehr beeindruckend zu sehen und ausschließlich die Folge der Hitzewelle“, betonte Huss.
Eine einzelne Hitzewelle sei für Gletscher normalerweise kein großes Problem, so Huss. „Das Problem ist eher, wenn wir sehr hohe Temperaturen haben, die sehr lange anhalten.“ Die Kombination aus Intensität und Dauer sei entscheidend: „Je mehr Tage mit sehr hohen Temperaturen es gibt, desto schlechter ist das für die Gletscher.“ Zum „äußerst schlechten Zustand der Gletscher“ habe eine „Kombination unglücklicher Umstände“ beigetragen: geringe Schneefälle im Winter, Saharastaub im März und ein sehr warmer Mai. Huss sieht eine „erstaunliche“ Ähnlichkeit zum „Extremjahr“ 2022, dem mit Abstand extremsten Jahr in den Alpen. In diesem Jahr habe auf den Gletschern ein Viertel weniger Schnee gelegen als im Durchschnitt der Jahre 2010 bis 2020.
Hausärzte kritisieren Bundesregierung: Hitzeschutz vernachlässigt
Der Hausärztinnen- und Hausärzteverband hat der Bundesregierung Versagen beim Hitzeschutz vorgeworfen. „Die Bundesregierung lässt die Praxen beim Hitzeschutz im Stich“, sagte die Verbandsvorsitzende Nicola Buhlinger-Göpfarth den Zeitungen der Funke Mediengruppe. „Den jahrelangen Ankündigungen, man werde das Thema Hitzeschutz endlich priorisieren, sind keine Taten gefolgt. Bis heute ist de facto nichts passiert.“ Die Politik müsse endlich handeln, statt Absichtserklärungen zu veröffentlichen. Bereits vor drei Jahren habe die damalige Bundesregierung ein umfassendes Maßnahmenpaket angekündigt, darunter die Vergütung medizinischer Aufklärung während Hitzewellen in Hausarztpraxen. „Sobald der Sommer vorbei ist, verschwindet das Thema wieder von der politischen Agenda“, kritisierte Buhlinger-Göpfarth. Angesichts der aktuellen Hitzewelle sieht der Verband insbesondere ältere Menschen und chronisch Kranke in Gefahr. Eine strukturierte Beratung in Hausarztpraxen und Pflegeheimen sei unverzichtbar, etwa zur Überprüfung von Medikamenten oder zur Lagerung hitzeempfindlicher Arzneimittel wie Insulin.
Umweltbundesamt fordert Hitzeaktionspläne für Städte
Das Umweltbundesamt (UBA) fordert von den Städten mehr Engagement im Hitzeschutz. „Hitzeschutz in Städten muss zur Daueraufgabe werden. Wir brauchen Hitzeaktionspläne, die Zuständigkeiten und den Schutz besonders gefährdeter Gruppen regeln“, sagte UBA-Präsident Dirk Messner der Deutschen Presse-Agentur. Mit mehr Stadtbäumen, zusätzlicher Verschattung und der Entsiegelung von Flächen könnten die Temperaturen in Städten aktiv gesenkt und Hitzeinseln reduziert werden. Vieles lasse sich sofort umsetzen: „Kommunen können Trinkwasser bereitstellen, kühle Orte aktiv ausweisen und Bibliotheken oder Kultureinrichtungen als Rückzugsorte öffnen.“ Besonders wirksam seien Maßnahmen zur Regenwasserrückhaltung wie Dach- und Fassadenbegrünung, entsiegelte Flächen, künstliche Gewässer und Zisternen.
Kommunen rufen zu Wassersparen auf – Verbote möglich
Der Deutsche Städte- und Gemeindebund (DStGB) hat die Bürger angesichts der Hitze dringend zum Wassersparen aufgerufen und notfalls Verbote ins Spiel gebracht. „Bei dieser Hitze appelliere ich dringend an den gesunden Menschenverstand, in den kommenden Tagen bitte ganz besonders sparsam mit dem kostbaren Wasser umzugehen“, sagte Hauptgeschäftsführer André Berghegger der „Neuen Osnabrücker Zeitung“. Zunächst solle auf Freiwilligkeit gesetzt werden. „Wenn das nicht funktioniert, müssen die Behörden vor Ort auch Verbote aussprechen.“ Nach seiner Wahrnehmung seien die Menschen aber vernünftig, sodass kein Wasser für Golf- oder Tennisplätze verschwendet werde. Berghegger beklagte zugleich fehlende Mittel für ausreichenden Hitzeschutz in den Kommunen: „Die Zahl der Hitzetage ist stetig gewachsen. Daher haben wir immer mehr Trockenperioden und Dürren. Darauf müssen wir uns einstellen.“
Mediziner warnen vor Kopfsprüngen ins Wasser
Angesichts der Hitze warnen Mediziner vor riskanten Sprüngen ins kühle Nass. „Die Halswirbelsäule ist besonders fragil“, sagte Jan Schwab, Direktor der Klinik für Rückenmarkverletzte am BG Klinikum Unfallkrankenhaus Berlin (UKB), der dpa. Ein Kopfsprung ins flache Wasser könne zu Lähmungen führen. „Wenn man den Boden nicht sieht, auf keinen Fall springen.“ Am UKB gebe es jährlich mindestens zehn solcher Fälle, oft bei übermütigen jungen Männern unter Alkoholeinfluss. Ein bis anderthalb Meter tiefes Wasser sei zu flach für einen Kopfsprung, auch zwei bis zweieinhalb Meter könnten je nach Sprunghöhe gefährlich sein. Schwab empfiehlt, auch nicht in Hockstellung zu springen, da Beckenfrakturen möglich seien.
Schweizer AKW wegen Hitze heruntergefahren
In der Schweiz wurde mit 38,8 Grad ein neuer Juni-Hitzerekord verzeichnet. Wegen der starken Hitze wurden am Freitagnachmittag die beiden Reaktoren des Atomkraftwerks Beznau nahe der deutschen Grenze heruntergefahren. Damit solle ein weiterer Temperaturanstieg der Aare verhindert werden, mit deren Wasser die Reaktoren gekühlt werden, teilte der Energiekonzern Axpo mit. An beiden Tagen habe die Wassertemperatur 25 Grad betragen. „Eine ausreichende Abkühlung ist nicht in Sicht.“ Sobald sich die Aare abkühle, könne die Wiederinbetriebnahme geplant werden.
Rekordtemperaturen und historische Hitzewelle erwartet
Der DWD-Meteorologe Oliver Reuter sagte der dpa: „Es ist durchaus wahrscheinlich, dass man diese Hitzewelle am Ende als historisch bezeichnen kann.“ Nicht nur, weil der bisherige deutsche Juni-Rekord deutlich überboten werde, sondern auch, weil es in dieser Fläche und an drei aufeinanderfolgenden Tagen noch keine Spitzenwerte von über 40 oder 41 Grad in Deutschland gab. Eine DWD-Sprecherin ergänzte: „Wenn am Freitag oder Samstag die 40-Grad-Marke geknackt wird, wäre das ein neuer Juni-Rekord. Steigt die Temperatur über 41 Grad, könnte es sogar einen neuen Allzeitrekord geben.“ Verantwortlich für die Hitze ist ein sogenannter Heat Dome, bei dem die Hitze wie unter einer riesigen Kuppel gefangen ist. Die Hitzewelle hält mindestens bis Sonntag an, dann sind schwere Gewitter möglich.
Zahlreiche Veranstaltungen abgesagt, Schulen geben hitzefrei
In ganz Deutschland reagieren Veranstalter auf die extremen Temperaturen. Der für Sonntag geplante Halbmarathon in Hamburg mit 24.000 Läufern wurde abgesagt. Der Württembergische Fußballverband sagte alle Fußballspiele für das Wochenende ab, der Berliner Fußballverband strich Kinderfußball und Spiele ohne Auf- oder Abstiegsrelevanz. Schulen verkürzen den Unterricht oder geben hitzefrei. Der Deutsche Tierschutzbund forderte einen befristeten Stopp von Tiertransporten. In manchen Regionen gelten Bewässerungs- und Grillverbote, etwa in Dresden, wo ein Wasserentnahmeverbot bis Oktober verhängt wurde.
Klimawandel als Treiber der extremen Hitze
Forscher der Organisation World Weather Attribution betonen, dass die aktuelle Hitzewelle ohne den Klimawandel nahezu ausgeschlossen wäre. Die Tageshöchst- und Nachttemperaturen wären vor 50 Jahren „praktisch unmöglich“ gewesen. Eine Hitzewelle im damaligen Klima wäre rund 3,5 Grad weniger heiß gewesen. Der Klimawandel sei der maßgebliche Treiber hinter den rekordverdächtigen Temperaturen.
Wärmste Nacht seit Messbeginn
Bereits in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag wurde ein erster bundesweiter Rekord geknackt: In Bad Bergzabern (Rheinland-Pfalz) fiel die Temperatur nicht unter 26,2 Grad – die wärmste Nacht in Deutschland seit Beginn der Messungen. Ab einer Mindesttemperatur von 20 Grad spricht der DWD von einer Tropennacht. Eine echte Abkühlung ist erst zu Beginn der kommenden Woche in Sicht, zunächst im Nordwesten. „Es wird noch schwül und heiß, aber die extreme Hitze ist dann komplett raus“, so die DWD-Experten.



