Der belarussische Journalist und Aktivist der polnischen Minderheit, Andrzej Poczobut, war fünf Jahre lang politischer Gefangener in Belarus. Im April 2025 wurde er durch einen Gefangenenaustausch freigelassen. Trotz der erlittenen Repressionen kündigte er an, nach Belarus zurückzukehren. Im Interview mit dem Tagesspiegel schildert er seine Motive, die Haftbedingungen und die Strategie des Regimes.
Warum er zurückkehrt
Poczobut betont, er sei belarussischer Staatsbürger, in dem Land geboren, seine Eltern lebten dort. „Selbstverständlich will ich dort sein“, sagt er. Ein Vertreter der Präsidialverwaltung habe ihm versprochen, dass er zurückkehren könne – mit dem US-Diplomaten Christopher Smith als Garantie. Er nehme diese Worte ernst. Das Regime von Alexander Lukaschenko sei an einer Normalisierung der Beziehungen zur EU und zu Polen interessiert, was seine Freilassung begünstigt habe. Ein erneutes Einsperren halte er für unwahrscheinlich, schließe es aber nicht aus.
Die polnische Minderheit als Sündenbock
Poczobut engagiert sich im Bund der Polen in Belarus. Offiziell wurde er wegen „Anstiftung zum Hass“ verurteilt, doch der wahre Grund sei ein anderer: Lukaschenko habe Polen und Litauen beschuldigt, 2020 eine Revolution organisiert zu haben. „Er hat die polnische Minderheit als Sündenbock benutzt“, sagt Poczobut. Das Regime betrachte die polnische Minderheit als potenziellen Feind. „Unsere Werte sind europäische, sie stehen mit denen von Lukaschenko in Konflikt.“
Haftbedingungen in Straflagern
Nach dem Urteil wurde Poczobut in die Strafkolonie Nummer eins in Hrodna verlegt. Politische Gefangene verbüßen dort ihre Strafe in Lagern, die wie ein Gefängnis im Gefängnis wirken. Die Gefangenen wohnen in Baracken, die wie Wohnheime aussehen, aber eingezäunt sind. Innerhalb des Zauns kann man sich in der Freizeit bewegen, zur Arbeit wird man bewacht. Es gibt Isolationszellen („Schizo“) und Arrestzellen („PKT“) für Regelverstöße oder mangelnde Umerziehung.
Poczobut verbrachte 167 Tage im Schizo. Die Zelle war neun mal fünf Schritte groß und eiskalt. Er schlief ohne Decke und Kissen auf einer Holzpritsche. Tagsüber wurde die Pritsche an der Wand befestigt, nachts heruntergeklappt. Niemand sprach mit ihm. „Das ist das Schwerste, weil man manchmal nicht weiß, ob gerade fünf Minuten oder fünf Stunden vergangen sind“, sagt er. Im PKT bekam er nachts eine Matratze, ein Kissen und eine Decke sowie gelegentlich Spaziergänge.
Strategie des Regimes: Angst und Isolation
Poczobut erklärt die Taktik der Behörden: „Sie glauben, wenn man einem Menschen große Angst einjagt, hört er auf, er selbst zu sein.“ Sie hätten ihn unter harten Bedingungen eingesperrt und gewollt, dass er um Gnade bettle. „Aber ich habe keine Reue gezeigt“, sagt er. Um bei Verstand zu bleiben, machte er Liegestütze und Kniebeugen und lernte Gedichte auswendig – unter anderem von Byron, dessen Gedichte einen Glauben an die Menschheit vermitteln.
Gesundheitlich hatte er schwer zu kämpfen: Er verlor rund 20 Kilogramm, litt unter Bluthochdruck und Herzrhythmusstörungen. Sieben Monate lang verweigerte man ihm Medikamente, bis sein Blutdruck auf 220 stieg. „Mir war klar, dass sie mich damit unter Druck setzen wollten. Aber ich beschloss, nicht um die Medikamente zu betteln“, so Poczobut.
Diplomatie und Dankbarkeit
Nach seiner Freilassung wurde Poczobut vom polnischen Ministerpräsidenten Donald Tusk empfangen. Er dankt Tusk, der polnischen Regierung, den belarussischen Verhandlern und US-Präsident Donald Trump, ohne dessen persönliches Engagement er wohl nie freigelassen worden wäre. Zur Debatte über politische Isolation versus Diplomatie mit Lukaschenko sagt er: „Grundsätzlich sollte man die Politik danach bewerten, wie effektiv sie ist. Wenn Druck wirkt, sollte er ausgeübt werden. Wenn nicht, muss Dialog her.“ Diplomatie habe mehreren hundert Menschen zur Freiheit verholfen, doch in Belarus würden weiterhin Menschen verhaftet.
Trauma und Zukunft
Poczobut will im Herbst nach Belarus zurückkehren. Bis dahin lebt er in Polen und kümmert sich um seine Gesundheit. Er plant, über die vergangenen fünf Jahre zu berichten. „Mit dem Trauma kommt man erst zurecht, wenn man es ausspricht“, sagt er. Die Haft habe Spuren hinterlassen: „Ich wache manchmal auf und denke, ich bin noch im Gefängnis. Ich habe das Gefühl, dass man mir meine Freiheit einfach wieder nehmen kann.“ Er hofft, dass das Niederschreiben hilft und dass die Berichte die Haftbedingungen verbessern.



