Im Prozess um die Entführung der Kinder der Hamburger Unternehmerin Christina Block hat ein 35-jähriger Zeuge am heutigen Verhandlungstag eine detaillierte Schilderung der Silvesternacht 2023/24 abgegeben. Der Mann, der früher als Model und Fitnesstrainer arbeitete und nun arbeitslos ist, gab an, sich geehrt gefühlt zu haben, als ihm ein angeblicher Mossad-Agent die Teilnahme an einer „Operation“ anbot. „Man sieht James-Bond-Filme und dann will man Teil von so etwas sein“, sagte der Zeuge vor dem Gericht.
Vom Model zum Zeugen im Entführungsfall
Der große, schlanke Mann mit Bart, der Jeans, Sakko und hellblaues Hemd trug, wirkte zurückhaltend, sprach aber sehr schnell. Er heiße nun Jonathan G. und habe seinen Nachnamen geändert. Ursprünglich war er als Jonathan C. in Interviews aufgetreten. Er habe elf Jahre in Hamburg gelebt, spreche Deutsch und sei deshalb in das Team geholt worden. Für seine Teilnahme erhielt er eigenen Angaben zufolge 10.000 Euro. Seine Aufgabe sei es gewesen, mit dem zehnjährigen Jungen und dem 13-jährigen Mädchen zu kommunizieren.
Die angebliche Rettungsaktion
Laut Anklage hatten maskierte Männer die Kinder beim Beobachten des Silvesterfeuerwerks im dänischen Gråsten in einen Wagen gezerrt, sie durch einen Wald marschiert und auf der deutschen Seite der Grenze in ein Wohnmobil gebracht, das sie nach Süddeutschland fuhr. Der Zeuge G. beschrieb, wie die Gruppe aufgeregt und ängstlich gewesen sei, aber fest daran geglaubt habe, die Kinder vor einem schrecklichen Vater retten zu müssen. Er habe im Dezember 2023 über einen Bekannten Kontakt zu David Barkay, dem Chef einer israelischen Sicherheitsfirma, bekommen. Barkay habe Leute für eine angeblich rechtmäßige Operation gesucht.
Der James-Bond-Vergleich und die Spitznamen
G. gab an, sich geehrt gefühlt zu haben, dass ihm ein „Mossad-Agent“ ein solches Angebot mache. „Ich wollte etwas Gutes tun“, sagte er. Obwohl er nicht alle Antworten auf seine Fragen von Barkay erhalten habe, habe er zugesagt. Alle Teammitglieder hätten Spitznamen bekommen; G. selbst sei „Nils Holgersson“ gewesen. Die Männer mit Kampfsport-Erfahrung hätten „Ninjas“ geheißen. Die richtigen Namen habe er erst viel später erfahren.
Treffen mit der Mutter und widersprüchliche Aussagen
Wie andere Israelis berichtete auch G. von einem Treffen mit Christina Block kurz vor der Tat. „Ich habe eine am Boden zerstörte Frau gesehen“, sagte er. Sie habe den maskierten Männern für ihre Hilfe gedankt. „Das war eine Motivation für uns.“ Block bestreitet, dass es ein solches Treffen gab. Die Unternehmerin ist angeklagt, die Sicherheitsfirma beauftragt zu haben, die Kinder im Zuge eines Sorgerechtsstreits mit ihrem Ex-Mann Stephan Hensel zu entführen. Sie weist die Vorwürfe zurück.
Gewalt gegen den Vater und die Flucht durch den Wald
Einer der Hauptangeklagten, ein 36-jähriger Israeli, hatte im August 2025 gestanden, den Ex-Mann überwältigt zu haben. Er habe auf Hensel springen und ihn mit Klebeband fesseln wollen. Ein junger „Deutscher“, der fließend Hebräisch sprach, habe Hensel jedoch ungeplant verprügelt – mit Fäusten und Tritten. Auf die Frage der Vorsitzenden Richterin, ob er dieser Deutsche sei, verneinte G. Er wisse nicht, wer was gemacht habe, da alle maskiert gewesen seien. Auch ein Weinen der Kinder habe er nicht mitbekommen. „Die ganze Situation war überwältigend“, sagte er.
Ausführlicher schilderte G. die Ereignisse im Wald. Er habe versucht, einen Polizeihund von den Kindern wegzulotsen. Der Hund sei ihm gefolgt und habe ihn gebissen. Schließlich sei es ihm gelungen, das Tier zu beruhigen. „Wir haben durstig aus derselben Pfütze getrunken“, sagte er. Dann sei er über die Grenze gegangen und habe einen eiskalten Fluss durchquert. Mit dem Zug sei er zurück nach Hamburg gefahren und habe 18 Stunden durchgeschlafen. Als er die Nachrichten sah, habe er begriffen, dass etwas schiefgelaufen sei. „Ich habe absolut Panik gehabt.“ Er habe lange so tun müssen, als ob alles in Ordnung sei. Als sein Name in der Presse auftauchte, entschloss er sich, sich bei den Ermittlern zu melden.
Der Zeuge hatte sicheres Geleit für seine Aussage erhalten. Bereits drei Männer und eine Frau aus Israel, darunter Barkay, hatten diese Zusage bekommen. Sie müssen zu einem späteren Zeitpunkt mit einer Anklage und einem Prozess rechnen. Für alle Beschuldigten gilt die Unschuldsvermutung.



