Nach den tödlichen Schüssen in einer Jugendhilfeeinrichtung in Stade fordert die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) mehr Schutz für Mitarbeitende. „Sie erleben immer wieder Entgleisungen und Übergriffe, die tief in den Dynamiken von häuslicher Gewalt und patriarchalem Kontrollwahn verwurzelt sind“, sagte Doreen Siebernik, stellvertretende GEW-Vorsitzende. Das Risiko verbaler oder physischer Gewalt sei besonders hoch, wenn es um Sorgerecht oder Kindeswohlgefährdung gehe.
Der Tathergang und die Opfer
Der 45-jährige Fatih Khan G. soll am Montag in einer Mutter-Kind-Wohngruppe in Stade, westlich von Hamburg, vier Frauen und zwei Männer getötet haben. Drei der Opfer arbeiteten in der Jugendhilfeeinrichtung, drei weitere waren Mitarbeiter des Jugendamtes der Region Hannover. Sie waren für ein Hilfeplangespräch vor Ort. Die Ermittler gehen von einem Sorgerechtsstreit als Tatmotiv aus. Der Tatverdächtige besitzt die türkische Staatsbürgerschaft und befindet sich in Untersuchungshaft.
Hintergrund: Hilfeplangespräche in Einrichtungen üblich
Laut niedersächsischem Sozialministerium ist es gängig, solche Gespräche in einer Einrichtung und nicht vor Gericht oder auf einer Polizeiwache zu führen. „Es gab vereinzelt Fälle in der Vergangenheit, wo auch die Polizei dazugeholt wurde von der Kommune, vom Jugendamt, wenn die Gefahrenlage so eingeschätzt wurde, dass das nötig ist“, sagte Ministeriumssprecherin Lea Karrasch. Im vorliegenden Fall sei das nicht geschehen.
Staatsanwaltschaft ermittelte bereits gegen Verdächtigen
Die Staatsanwaltschaft bestätigte SPIEGEL-Informationen, wonach der mutmaßliche Täter sein drei Monate altes Kind geschüttelt haben soll. Die Staatsanwaltschaft Hannover führt ein Ermittlungsverfahren gegen den Tatverdächtigen wegen des Verdachts der Bedrohung. „Der Beschuldigte soll am 22. April im Zusammenhang mit der Behandlung seiner Tochter wegen eines Schütteltraumas gegenüber Ärzten der MHH aggressiv aufgetreten sein und ihnen verbal gedroht haben“, teilte ein Sprecher der Behörde mit.
GEW fordert Schutzmaßnahmen und sieht Dilemma
Die GEW fordert ein funktionierendes System von Jugendamt, Polizei und Trägern zum Schutz von Jugendhilfeeinrichtungen, räumt aber ein „Dilemma“ ein: „Einerseits müssen Arbeitgeber ihrer Fürsorgepflicht nachkommen und das Leben der Angestellten schützen“, sagte Siebernik. „Andererseits leben soziale Arbeit und Jugendhilfe von Vertrauen und Zugänglichkeit.“ Die Hemmschwelle für Hilfesuchende steige, sollten die Orte zu „Festungen“ mit Sicherheitsschleusen und bewachten Eingängen ausgebaut werden.



