Nach Trier: Wie der Staat vor Gewalttaten psychisch Kranker schützen soll
Nach Trier: Wie der Staat vor Gewalttaten schützen soll

Nach der tödlichen Messerattacke auf einen Studenten in Trier fordern Ermittler und Psychiater eine bessere Früherkennung und ein verbindliches Fallmanagement für psychisch kranke Gewalttäter. Der Vater des 22-jährigen Opfers appellierte an die Politik: „Der Fall meines Sohnes muss jetzt Deutschland aufrütteln“, sagte er der „Bild“-Zeitung. Der mutmaßliche Täter, ein ebenfalls 22-jähriger Afghane, der seit 2015 in Deutschland lebt und als gut integriert galt, hatte die Tat gestanden und litt laut Behörden unter einer psychischen Erkrankung. Er befand sich noch in jüngster Zeit in psychiatrischer Behandlung.

Die Tat reiht sich in eine Serie von Bluttaten ein, bei denen psychisch belastete Menschen töteten, obwohl sie bereits in Behandlung waren – etwa in Aschaffenburg, Hamburg und Magdeburg. Diese Häufung wirft die Frage auf, wie der Staat besser schützen kann.

Fehlende Zuständigkeiten und mangelnder Informationsaustausch

Dirk Peglow, Bundesvorsitzender des Bundes Deutscher Kriminalbeamter (BdK), betont: „Nicht jede Tat wird sich verhindern lassen.“ Dennoch sei der Staat in der Pflicht, Voraussetzungen zu schaffen, damit Risiken früher erkannt und konsequenter bearbeitet werden. „Nach unserer Wahrnehmung fehlt es dabei noch zu häufig an klaren Zuständigkeiten, an einem funktionierenden Informationsaustausch und an ausreichend ausgestatteten Hilfesystemen“, so Peglow. Das Problem sei, dass viele Stellen jeweils nur einen Ausschnitt einer gefährlichen Person sähen. „Erst in der Gesamtschau kann sich ein Bild ergeben, das auf eine mögliche Eskalation hindeutet. Deshalb brauchen wir bei konkreten Hochrisikofällen ein verbindliches, ressortübergreifendes Fallmanagement.“

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Die Bundesregierung hat im Koalitionsvertrag von Union und SPD eine gemeinsame Risikobewertung zur Verhinderung von Gewalttaten vereinbart – mit dem Ziel der „frühzeitigen Erkennung entsprechender Risikopotenziale bei Personen mit psychischen Auffälligkeiten“. Eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe soll seit 2020 bundesweite Standards entwickeln, deren Empfehlungen noch in der Abstimmung sind. Als Vorbild gilt das NRW-Projekt „PeRiskoP“, das einen schnelleren Datenaustausch zwischen Polizei, Schulen, Gesundheitsämtern und psychiatrischen Einrichtungen anstrebt.

Psychotherapeuten warnen vor Pauschalregistern

Andrea Benecke, Präsidentin der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK), zeigt sich skeptisch: „Pauschale Register psychisch erkrankter Menschen und eine Weitergabe von Behandlungsdaten an Sicherheitsbehörden sind nicht zielführend.“ Schwere Gewalttaten seien selten und individuell nicht verlässlich vorhersehbar. Solche Maßnahmen würden viele Menschen zu Unrecht als gefährlich einstufen und könnten sie davon abhalten, sich behandeln zu lassen.

Tatsächlich zeigen Erhebungen, dass Menschen mit psychischen Erkrankungen nicht häufiger Gewalttaten begehen als Gesunde, sondern häufiger selbst Opfer werden. Die forensische Psychiaterin Nahlah Saimeh widerspricht jedoch: Bei Erkrankungen mit wahnhaftem Realitätsverlust sei das Risiko für schwerste Gewalttaten im Vergleich zur nicht erkrankten Bevölkerung um den Faktor zehn erhöht. Komme Rauschmittelkonsum hinzu, steige der Faktor auf das 28-Fache. Besonders gefährdet seien Menschen, die infolge des Verlustes kulturell-normativer Kontrollen und möglicher Verwahrlosung ein erhöhtes Psychoserisiko hätten.

Mehr Behandlungskontinuität und spezialisierte Ambulanzen gefordert

Saimeh schlägt zwei konkrete Maßnahmen vor: eine ausreichende Rechtsgrundlage für längere stationäre Behandlung – die Verweildauer von Patienten mit gefährlichen Krankheitsbildern sei oft viel zu kurz – und eine bessere Schulung psychiatrischer Ambulanzen für die Risikobeurteilung bei Fremdgefährdung. „Man muss ehrlich sein: Eine wirksame Prävention ist in diesem Bereich auch sehr teuer“, sagt Saimeh.

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Benecke sieht in fachgerechter psychiatrisch-psychotherapeutischer Behandlung „letztlich die wirksamste präventive Maßnahme“. Diese reduziere das Gewaltrisiko nachweislich. Ebenso wichtig seien soziale Integration und Teilhabe. „Es fehlt vor allem an Behandlungskontinuität“, sagt sie. Mobile multiprofessionelle Angebote seien nicht flächendeckend verfügbar, sozialpsychiatrische Dienste häufig unzureichend ausgestattet. Sie fordert „niedrigschwellige, kultursensible, engmaschige und aufsuchende Behandlungsangebote für Menschen mit schweren psychischen Störungen“, die von der Politik auskömmlich finanziert werden müssten.