Kathrin Gebel: Emotionale Rede zu sexualisierter Gewalt im Bundestag
Kathrin Gebel: Rede zu sexualisierter Gewalt im Bundestag

Emotionale Rede im Bundestag: Kathrin Gebel bricht Tabu

Die Linken-Politikerin Kathrin Gebel hat im Bundestag öffentlich über ihre eigenen Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt gesprochen. Ein Video ihrer Rede, in der die 29-Jährige in Tränen ausbricht, ging in den sozialen Medien viral. In der Gesprächsreihe „Jung. Direkt. Politisch“ der Funke Mediengruppe berichtet die frauenpolitische Sprecherin ihrer Fraktion von den Beweggründen und den Reaktionen. Beim Thema Gewaltschutz stellt sie klare Forderungen auf und kritisiert einen Vorschlag der Grünen als Ausdruck eines „schrägen Geschlechterbildes“.

Überwältigend positive Reaktionen und anhaltende Tabuisierung

Auf die Frage, wie die Menschen auf ihre Rede reagiert haben, antwortete Gebel: „Die Reaktionen waren überwältigend positiv. Menschen sind teilweise auf der Straße auf mich zugekommen, haben mir ihre Geschichte erzählt, obwohl wir uns vorher nie begegnet waren. Daraus sind sehr berührende Gespräche entstanden.“ Zugleich betonte sie, dass es ihr eigentlich nicht um ihre Person gegangen sei: „Mir war wichtig, deutlich zu machen, dass sexualisierte Gewalt gegen Kinder und Jugendliche nichts Seltenes ist, sondern dass es viele Betroffene mitten unter uns gibt. Dass es so große Wellen schlägt, wenn eine Bundestagsabgeordnete darüber spricht, zeigt vor allem, wie stark das Thema noch tabuisiert ist.“

Ablehnende Reaktionen und Glaubwürdigkeitszweifel

Auch ablehnende Reaktionen blieben nicht aus. „Auf sozialen Medien gab es auch anonyme Kommentare, in denen die wenigen Sätze zu meiner eigenen Geschichte infrage gestellt wurden. Das hat mich allerdings nicht überrascht. Betroffenen wird häufig die Glaubwürdigkeit abgesprochen. Dahinter steckt oft ein Abwehrmechanismus, weil viele sich mit der Realität sexualisierter Gewalt nicht auseinandersetzen wollen“, so Gebel.

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Kritik an isolierten Maßnahmen wie der Fußfessel

Gebel äußerte sich auch kritisch zur Diskussion über die elektronische Fußfessel als Gewaltschutzmaßnahme. „Geschlechtsspezifische Gewalt ist ein strukturelles Problem. Deshalb braucht es mehr als einzelne Maßnahmen, nämlich eine umfassende Schutzstrategie. Es reicht nicht, einzelne Elemente aus erfolgreichen Modellen wie dem spanischen zu übernehmen und zu hoffen, dass sich dadurch alles verbessert. Meine Sorge ist, dass solche Maßnahmen als ausreichend betrachtet werden und die Debatte über den umfassenden Gewaltschutz ins Stocken gerät.“

Vorbild Spanien: Drei Aspekte für Deutschland

Gebel nannte drei konkrete Aspekte aus dem spanischen Modell, die sie auf Deutschland übertragen möchte: „Eine belastbare Statistik mit vernünftiger Datenerhebung, spezialisierte Gerichtsbarkeiten und eine klarere gesellschaftliche Debatte über geschlechtsspezifische Gewalt.“ Sie erläuterte: „In Spanien wird im Parlament jedem Femizid mit einer Schweigeminute gedacht. Das ist eine symbolische Geste, verändert aber die Wahrnehmung: Es wird deutlich, dass geschlechtsspezifische Gewalt ein gesellschaftliches und strukturelles Problem ist. Und nicht etwas, das im Privaten bleibt oder einfach nur auf das individuelle Verhalten einzelner Männer reduziert werden kann. Das könnte auch für Deutschland ein Vorbild sein.“

Kritik an Grünen-Vorschlag: „Schräges Geschlechterbild“

Die Grünen hatten zuletzt überlegt, stärker in Fitnessstudios zu gehen, um junge Männer dort politisch anzusprechen. Gebel kommentierte: „Ich finde schon, dass wir über unterschiedliche Vorstellungen von Männlichkeit sprechen müssen. Aber bei diesem Vorschlag schwingt für mich auch ein etwas schräges Geschlechterbild mit. Nur weil jemand gerne ins Fitnessstudio geht, sagt das schließlich nichts über die Persönlichkeit aus. Trotzdem will ich solche Vorschläge nicht nur abwerten, weil sie auch Debatten anstoßen können, die wichtig sind.“

Als besseren Ansatz nannte sie Initiativen wie „Männer gegen Gewalt“: „Da setzen sich Männer wirklich damit auseinander, was es heißt, in einer patriarchalen Gesellschaft Mann zu sein, und welche Konsequenzen daraus folgen. Das halte ich für einen viel nachhaltigeren Beitrag als die Frage, wie Parteien junge Männer mit bestimmten Bildern oder Werbevideos erreichen.“

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Psychologie als Bereicherung für die Politik

Gebel, die Psychologie studiert hat, berichtete, dass ihr Studium ihr in der Politik hilft. „Ich wollte eigentlich Psychotherapeutin werden, am liebsten mit einer Traumafach-Weiterbildung. Die therapeutische Haltung ist stark davon geprägt, zuzuhören und nicht vorschnell zu urteilen. Die Politik funktioniert oft genau umgekehrt: schnell bewerten, zuspitzen und sofort sprechfähig sein. Deshalb hatte ich lange das Gefühl, dort gar nicht richtig hineinzupassen.“

Ein Kipppunkt sei ein Treffen ihres Jugendverbands gewesen, bei dem sie vorgeschlagen habe, die Situation eher wie ein therapeutisches Gespräch anzugehen. „Das war zunächst ungewohnt, hat aber funktioniert. Seitdem denke ich: Ich muss Politik gar nicht so machen wie alle anderen.“ Ihr Fazit: „Aktuell ist es in Deutschland einfacher, Abgeordnete zu werden als Psychotherapeutin – auch finanziell.“