Die Autoren Thomas Speckmann, Historiker und Politikwissenschaftler, und Florian Hartmann, Hauptgeschäftsführer des Westdeutschen Handwerkskammertags, fordern in einem Gastkommentar eine Neuausrichtung der europäischen Rüstungszusammenarbeit. Sie warnen vor einem Zusammenbruch der Kooperation und plädieren für mehr Anbieter statt weniger.
Zwei Zeitenwenden in vier Jahren
In den vergangenen vier Jahren habe Europa bereits zwei Zeitenwenden erlebt: die russische Vollinvasion der Ukraine 2022 und die erneute Präsidentschaft von Donald Trump. Die politische Antwort darauf laute meist „mehr Europa“. Doch bei der als immer dringlicher empfundenen europäischen Selbstbehauptung – technologisch, ökonomisch, militärisch – drohe just im wichtigen Bereich Verteidigung eine Gegenbewegung: der Zusammenbruch europäischer Rüstungszusammenarbeit.
Politische Risiken durch Wahlen
Auslöser könnten die Ergebnisse der bevorstehenden Wahlen in Europas Nuklearmächten sein. In Frankreich wird 2027 ein neuer Präsident gewählt, in Großbritannien spätestens 2029 das Unterhaus. In beiden Fällen könnten nach aktuellen Umfragen politische Kräfte die Mehrheit erhalten, die für weniger statt für mehr Europa stehen. Dies gefährde die ohnehin schwierige Rüstungszusammenarbeit.
Gescheiterte Projekte als Warnsignal
Bereits heute gestalte sich europäische Rüstungszusammenarbeit schwierig. Dafür stünden nicht zuletzt das Scheitern des deutsch-französisch-spanischen Projekts FCAS (Future Combat Air System) und des deutsch-niederländischen F126-Fregatten-Projekts. Diese Beispiele zeigten, dass die bisherige Strategie nicht aufgehe.
Kein Land kann allein
Müsse dies perspektivisch das Ende europäischer Rüstungszusammenarbeit bedeuten? Mitnichten, so die Autoren. Kein Land Europas sei derzeit in der Lage, die für die eigene Verteidigung notwendigen Kapazitäten allein bereitzustellen. Daher brauche es eine neue Herangehensweise: gemeinsame Entwicklung, aber getrennte Produktion. So könne die Abhängigkeit von einzelnen Staaten reduziert und die Resilienz der europäischen Verteidigungsindustrie gestärkt werden.
Mehr Anbieter für mehr Sicherheit
Statt auf wenige große Konzerne zu setzen, müsse die europäische Rüstungsbranche auf eine breitere Basis gestellt werden. Mehr Anbieter bedeuteten mehr Wettbewerb, mehr Innovation und letztlich mehr Sicherheit für Europa. Die Autoren appellieren an die Politik, diesen Weg konsequent zu verfolgen.



