Die Zahlen sind alarmierend: Seit 2023 haben verdeckte Ermittler des Landeskriminalamts (LKA) Nordrhein-Westfalen in sogenannten Scheinkindoperationen 674 Strafverfahren wegen des Verdachts auf Cybergrooming eingeleitet. Die als Kinder getarnten Beamten patrouillieren in sozialen Netzwerken, Chats und Gaming-Plattformen und werden immer wieder fündig. „Die fliegen wie die Motten ins Licht“, beschreibt Kriminaldirektorin Jessica Bouska das Verhalten der Täter.
Massenphänomen Cybergrooming: Täter schlagen schnell zu
Bereits nach weniger als einer Minute können erwachsene Täter in Chats sexuell übergriffig werden. „Hey wie jung bist du? Was hast du an Prinzessin?“ – solche Nachrichten erhalten die verdeckten Ermittler regelmäßig. Oft folgen unverzüglich Penisbilder oder Masturbationsvideos. Der LKA-Direktor Ingo Wünsch betont: „Die Zahlen zeigen sehr deutlich: Das ist keine Ausnahme, es ist tatsächlich ein Massenphänomen.“
Die Täter, die sowohl Männer als auch Frauen sein können, geben sich entweder als Gleichaltrige oder als verständnisvolle Erwachsene aus. Ihr Ziel ist es, Vertrauen aufzubauen, Abhängigkeiten zu schaffen und die Kinder zu manipulieren. Sie verschicken Liebesbekundungen, äußern sexuelle Fantasien oder fordern freizügige Selbstporträts an. In einigen Fällen versuchen sie, reale Treffen zu arrangieren, um die Kinder zu missbrauchen.
So arbeiten die verdeckten Ermittler
Die Spezialeinheit des LKA NRW besteht aus acht Ermittlerinnen und Ermittlern, die an einem Tisch mit Laptops sitzen und gleichzeitig auf Plattformen wie Snapchat, Tiktok und vielen anderen chatten. Jeder von ihnen unterhält zeitgleich mehrere Gespräche. An einer Tafel führen sie Strichliste: An einem guten Tag erzielen sie bis zu fünf Treffer, die zu Anzeigen führen. In konzentrierten Aktionen zwischen November 2023 und Juni 2026 gab es 23 Operationen mit einer Dauer von einem Tag bis zu einer Woche. Dabei wurden manchmal bis zu 20, gelegentlich sogar fast 40 Treffer an einem Tag registriert.
Die Ermittler sprechen keine Chatpartner aktiv an, sondern lassen sich ansprechen – dies ist notwendig, damit die Beweise vor Gericht Bestand haben. Die Identifizierung der Täter übernehmen dann Kollegen an Arbeitsplätzen mit riesigen Bildschirmen. „Tatsächlich identifizieren wir die Täter im Schnitt zu 80 Prozent“, sagt Bouska.
Erfolgsquote von 80 Prozent bei der Täteridentifizierung
Sobald sich Hinweise auf Straftaten wie sexuellen Missbrauch von Kindern ergeben, werden Strafverfahren eingeleitet. Bereits der Versuch, durch pornografische Inhalte oder entsprechende Reden auf ein Kind einzuwirken, ist strafbar. Die Scheinkindeinsätze zielen darauf ab, den Verfolgungsdruck auf pädokriminelle Täter kontinuierlich zu erhöhen. Manchmal muss schnell gehandelt werden: Dann kommt es zu Festnahmen und Wohnungsdurchsuchungen.
Gaming-Plattformen besonders betroffen
Besonders aktiv sind die Täter laut Ermittlern auf Gaming-Portalen. Vielfach geben sie sich dort als gleichaltrig aus, berichtet Bouska. Selbst bei Spielen wie „Bibi Blocksberg“ oder „Harry Potter“ habe es bereits Vorfälle gegeben. „Ich glaube nicht, dass Eltern sich dessen bewusst sind, dass eben auch da Täter in die Kommunikation gehen können“, warnt Bouska. LKA-Chef Wünsch ergänzt: „Immer da, wo Kinder sich im Netz bewegen, sind auch die Täter.“
Großes Dunkelfeld: Kinder schweigen aus Angst
Dennoch bleiben viele sexuelle Anbahnungen unentdeckt. Das Dunkelfeld im Bereich der Sexualdelikte und des Cybergroomings ist nach Einschätzung des LKA immens groß. „Die Kinder sagen nicht Bescheid, die trauen sich gar nicht, weil sie Angst haben vor Stress mit den Eltern“, erklärt Bouska. Teilweise wüssten sie gar nicht, was mit ihnen geschehe.
Das LKA empfiehlt Kindern und Jugendlichen, keine offenen Profile im Netz zu führen und niemals Bilder oder Videos an Personen zu schicken, die sie nur virtuell kennen. Kommt es dennoch zu einem Cybergrooming-Versuch, sollten sie sich Eltern, guten Freunden oder Lehrkräften anvertrauen. Auch die Eltern seien in der Verantwortung, betont Wünsch: „Eltern müssen sich für ihre Kinder interessieren, und sie müssen den Kindern sagen, das kann dir passieren, und wenn dir das passiert, komm zu mir.“



