Am vierten Prozesstag gegen den 26-jährigen Ioanni V., der des Mordes an Zugbegleiter Serkan Çalar (56) angeklagt ist, sagte eine für ihn besonders wichtige Zeugin aus: seine zwei Jahre ältere Schwester. Sie betrat am Mittwoch den Gerichtssaal in Zweibrücken, wollte ihren Namen jedoch nicht öffentlich nennen. Der Angeklagte, der bislang meist regungslos auf der Anklagebank saß und kaum Gefühle zeigte, wich den Blicken seiner Schwester aus und konnte ihr nicht in die Augen schauen. Mit brüchiger Stimme wandte sie sich zunächst an die Familie des Opfers: „Ich möchte mein aufrichtiges Beileid der Familie ausdrücken. Ich wünsche, dass die Kinder ihren Vater nie vergessen.“
Hintergrund der Tat: Zwölf Schläge führten zum Tod
Am 2. Februar 2026 kontrollierte Serkan Çalar im Regionalexpress von Landstuhl (Rheinland-Pfalz) nach Homburg (Saarland) die Tickets. Ioanni V. hatte keines. Als Çalar ihn aus dem Zug werfen wollte, eskalierte die Situation. V. stand auf, drohte dem Kontrolleur und rief: „I‘m a boxer. I‘m a fighter.“ Mit zwölf Schlägen streckte er Çalar nieder. Der Schaffner erlitt eine Hirnblutung und starb zwei Tage später im Krankenhaus. Çalar hinterlässt eine Familie und zwei Kinder, die nun bei ihren Großeltern leben.
Schwester schildert schwierige Lebensumstände des Angeklagten
Die Schwester berichtete von einer schönen Kindheit in Griechenland und einem Business-Studium in England. V. habe große Pläne gehabt und vor allem erfolgreich sein wollen. Beim Day-Trading und Krypto-Handel sei er von seinen Eltern finanziell unterstützt worden, habe aber alles verloren. „Ich hatte immer Angst, dass er Dummheiten macht, wenn er Geld verliert“, sagte die Schwester. Sie sprach von Depressionen und einem verlorenen Job im Jahr 2025. Diese Aussagen waren für die Familie des getöteten Schaffners schwer zu ertragen.
Fund der verwahrlosten Wohnung und die Nachricht von der Festnahme
Am Tattag hatte die Schwester ein Treffen mit Ioanni V. vereinbart. „Er war an diesem Tag in keiner guten Verfassung“, sagte sie. Als er nicht erschien, schickte sie Nachrichten und rief an. Einen Tag später fuhr sie zu seiner Wohnung und war schockiert: „Das war kein Zustand. Rumgeworfene Essensreste, Kleider. Kein normaler Mensch kann so leben. Ich schäme mich, da stand sogar ein Glas mit Urin.“ Auch sein Auto war vermüllt, die Reifen zerstochen und an der Scheibe klemmten Strafzettel. Sie meldete V. bei der Polizei als vermisst. Einen Tag später erfuhr sie, dass ihr Bruder in Untersuchungshaft sitzt – und ein Mann seinetwegen tot ist, dessen Söhne nun ohne Vater leben müssen.
Prozess geht weiter: Familie sucht Antworten
Der Zuschauersaal war auch am vierten Prozesstag fast voll besetzt. Serkans Familie saß geschlossen im Saal, um endlich Antworten auf die quälende Frage zu erhalten, warum Serkan sterben musste. Die Verhandlung wird fortgesetzt.



