Das Landgericht Zweibrücken hat den 26-jährigen Ioanni V. wegen Körperverletzung mit Todesfolge zu zehn Jahren Haft verurteilt. Er hatte im Februar den Zugbegleiter Serkan Çalar bei einer Fahrscheinkontrolle so heftig geschlagen, dass dieser an einer Hirnblutung starb. Der Fall löste bundesweit Entsetzen aus und entfachte eine Debatte über die Sicherheit von Bahnmitarbeitern.
Steigende Gewalt gegen Zugpersonal
Ralf Damde, Vorsitzender des Gesamtbetriebsrates von DB Regio und Mitglied des Bundesvorstands der Gewerkschaft EVG, beschreibt die Lage: „Es gibt Belästigungen, Verfolgungen und Stalking, verbale Beleidigungen, Spucken, Schlagen. Zu sagen, dass es so etwas früher nicht gab, ist falsch. Nur das Extreme und die Häufigkeit haben zugenommen.“ Eine EVG-Umfrage unter 4000 Beschäftigten mit Kundenkontakt ergab: Die Hälfte wurde bereits körperlich angegriffen, 85 Prozent erlebten Beleidigungen oder Bedrohungen. Zwei Drittel fühlen sich bei der Arbeit zunehmend unsicherer.
Allein in diesem Jahr wurden laut Innenministerium bereits 1630 Bahnbeschäftigte angegriffen, wie aus einer Antwort auf eine Anfrage des Linken-Abgeordneten Dietmar Bartsch hervorgeht. Besonders häufig kommt es bei Fahrscheinkontrollen zu Übergriffen – wie im Fall Çalar. Damde spricht von einer Verrohung: „Wir sind nicht die Bösen. Wir sind im Zug, um den Leuten zu helfen. Wir machen unseren Job.“
Schutzmaßnahmen der Deutschen Bahn
Die Deutsche Bahn setzt auf mehrere Sicherheitsvorkehrungen. Dazu gehören Bodycams, die Mitarbeiter in bedrohlichen Situationen einschalten können. Bisher nehmen diese nur Bilder, aber keinen Ton auf – aus Datenschutzgründen. Das soll sich ändern: Im dritten Quartal plant die Bahn einen Test mit Audioaufnahmen. Damde unterstützt dies: „Das Video zeigt sehr eindrücklich, wie brutal man auf Serkan losgegangen ist. Mit Tonaufnahmen würden sich Eskalationen und auch bei weniger schweren Fällen etwa Beschimpfungen festhalten lassen.“
Als besonders wirksam sieht Damde die Doppelbesetzung von Zügen: „Die Bodycam ist gut, besser ist die Doppelbesetzung. Das sagen mir alle. Weil man sich sicherer fühlt, wenn man zu zweit ist und der Kollege oder die Kollegin neben einem helfen kann.“ Ein Pilotprojekt läuft, doch Damde kritisiert, dass die Doppelbesetzung bisher nur in wenigen Bundesländern eingesetzt wird.
Weitere Maßnahmen sind der „Prio-Ruf“ – eine Notfalltaste, die die Leitstelle und künftig auch die Bundespolizei alarmieren kann –, Schutzwesten, Deeskalationstrainings und KI-Systeme zur Erkennung aggressiven Verhaltens. Trotz dieser Ansätze konstatiert Damde eine Stagnation bei der Umsetzung.
GDL: „Nicht ausreichend, was getan wird“
Die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) sieht ebenfalls Nachholbedarf. Der stellvertretende Bundesvorsitzende Christian Deckert sagte dem Tagesspiegel: „Wir empfinden es noch nicht als ausreichend, was getan wird. Wir reden hier über Sicherheit und über das Leben, das in Gefahr ist, und das letztlich ein Kollege verloren hat.“ Vieles scheitere an Geldfragen und Diskussionen: „Es muss Geld bereitgestellt werden für Videoüberwachung, Sicherheitspersonal oder um die Leute mit Sicherheitswerkzeug wie Bodycams auszurüsten.“
Das Urteil gegen Ioanni V. wertet Deckert als Signal der Justiz, dass Übergriffe keine Kavaliersdelikte sind. Doch die Angst bei den Beschäftigten bleibe: „Die Unsicherheit bei den Kollegen ist weiterhin da. Denn der gesellschaftliche Umgang hat sich ja nicht geändert. Wir hören immer wieder von Übergriffen, und natürlich wird auch die Angst der Beschäftigten dementsprechend immer größer.“



