Tödliche Spritzen im Domina-Studio: Mann stirbt nach Injektionen – Sexarbeiterinnen stehen in Berlin vor Gericht
In einem Domina-Studio kollabiert ein Gast. Jede Hilfe kommt zu spät. Zwei Sexarbeiterinnen müssen sich wegen Körperverletzung mit Todesfolge vor dem Landgericht verantworten. Von Kerstin Gehrke
Sie nannten sich Lady V. und Lady A. und empfingen ihre Gäste in Lack, Leder und Latex. Zwei Dominas, die als professionell galten im Umgang mit Macht und Kontrolle. Doch ein Mann starb bei einer Session. Ihm war zuvor laut Ermittlungen ein Anästhetikum verabreicht worden – auf seinen Wunsch hin. Der Fall wird nun vor dem Landgericht Berlin verhandelt.
Die Anklage gegen die 41 und 42 Jahre alten Frauen lautet auf gefährliche Körperverletzung und Körperverletzung mit Todesfolge. Beide hätten „grob sorgfaltswidrig“ gehandelt und trotz der erheblichen Risiken für die Gesundheit und das Leben des Mannes das Mittel Procain verabreicht. Es seien mehrere Spritzen gewesen.
Sie kamen zum Prozess in weißen Blusen und Jeans und zeigten sich verschlossen. Keine Aussage zur Sache, erklärten die beiden Anwälte von Lady V. nach Verlesung der Anklage. Auch die damalige Lady A. will sich nicht zu dem äußern, was am 9. April 2024 in einem Domina-Studio in Charlottenburg geschah. Beide aber geben über ihre Verteidiger einen kurzen Überblick zu ihrem Werdegang.
BDSM unter Einsatz eines Anästhetikums
Eine Angeklagte ist gelernte Steuerfachgehilfin. Seit 20 Jahren arbeite sie in Steuerbüros, so einer der Anwälte. Eine zweifache Mutter – „alleinerziehend“. Als Domina sei sie seit etwa 15 Jahren tätig – „neben- und freiberuflich“.
Anfang 2024 lernte Lady V. einen Mann kennen, der sich Mike nannte. Bekannt wurde zu Prozessbeginn über ihn: Er war 41 Jahre alt, 1,90 m groß, seine Geschäftsreisen zogen sich schon mal über einen Monat hin. „Er rief mit privater Absicht an“, so der Verteidiger. Ab März 2024 hätten sie sich regelmäßig in einem Hotel getroffen – „er wusste von ihren Kindern und ihrem Leben“.
Schließlich habe er Sexualität aus dem Bereich des BDSM – das Akronym steht für Bondage & Disziplin, Dominanz & Submission, Sadismus & Masochismus – unter Einsatz eines Anästhetikums ausprobieren wollen.
Procain „um körperliche Grenzen zu erweitern“
Laut Anklage wurde zwischen dem Mann und Lady V. für bestimmte Sex-Praktiken zuvor vereinbart, dass Procain verabreicht werden sollte. Dabei handelt es sich um ein Lokalanästhetikum, das Schmerzen unterdrückt. Es wird beispielsweise in der Zahnmedizin eingesetzt. Im BDSM-Kontext werde dieses Mittel immer wieder eingesetzt, „um körperliche Grenzen zu erweitern“.
Lady V. bat laut Anklage Lady A. um Unterstützung bei den Injektionen, sie selbst sei ohne Erfahrung im Umgang mit dem Anästhetikum gewesen. Um 16 Uhr habe die „Behandlung“ im sogenannten Klinikzimmer des Studios begonnen. Mehrere Spritzen seien vorbereitet worden. Dann hätten Lady V. und der Gast das Zimmer gewechselt.
Kurz vor Ende der Session soll Lady V. noch eine Spritze mit Kochsalzlösung verabreicht haben. Dann verlor der Mann laut Ermittlungen das Bewusstsein. Um 17.42 Uhr habe die Frau um Hilfe gerufen, Kolleginnen seien gekommen, sie hätten umgehend mit Reanimationsmaßnahmen begonnen und die Feuerwehr alarmiert. Doch jede Hilfe kam zu spät.
Der Verteidiger der 42-Jährigen sagte, der Mann habe das Studio gezielt aufgesucht und von sich aus das Mittel ausprobieren wollen. Als er das „Klinikzimmer“ verließ, habe er „orientiert und entschlossen gewirkt“. Seine Mandantin sei entsetzt, sein Tod belaste sie sehr. Allerdings wisse sie bis heute nicht, woran er gestorben ist. Ihren Nebenjob als Domina habe sie aufgegeben und arbeite als Pflegehelferin. Der Prozess geht am 19. Juni weiter.



