Im Odenwald ist ein historischer Bahnhof zum Rückzugsort für eine der größten Fledermauskolonien Hessens geworden. Rund 1.300 Große Mausohren (Myotis myotis) leben nach Angaben des Projektbetreuers Dirk Diehl im Sommer unter dem Giebel des denkmalgeschützten, stillgelegten Bahnhofs in Höchst im Stadtteil Mümling-Grumbach. Die Tiere nutzen den muffigen Dachboden als warme Ersatzhöhle.
Klimawandel als Bedrohung für die Fledermäuse
„Der Klimawandel macht den Tieren zu schaffen“, erklärt Diehl, der das Projekt der Hessischen Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz (HGON) betreut. Höhere Temperaturen führen dazu, dass die Fledermäuse mehr Energie verbrauchen und schlechter schlafen. Dadurch benötigen sie mehr Nahrung. Auf ihrem Speiseplan stehen Insekten und Spinnen, die sie nachts mithilfe ihrer Ultraschall-Echoortung jagen. Im Frühjahr fressen sie bis zu 40 Maikäfer pro Stunde – eine „sehr attraktive Beute“, so Diehl. Doch durch Trockenheit sind viele große Laufkäfer verschwunden. „Wenn die Maikäfer weg sind, wird es eng“, warnt der Experte.
Quartier unter dem Dach seit dem Jahr 2000
Die Fledermäuse sind seit dem Jahr 2000 in dem 1894 erbauten Bahnhof bekannt. Damals lebten rund 300 Tiere unter dem undichten Dach. Regen fiel auf den verkoteten Boden, was die darunterliegenden Räume beeinträchtigte. Inzwischen ist das Dach wieder dicht, doch der Geruch nach Fledermauskot bleibt. Besucher können das Treiben der Tiere per Infrarotkamera im Erdgeschoss auf einer Leinwand verfolgen. Der Dachboden selbst ist nicht zugänglich.
Größte heimische Fledermausart im Bahnhof
Das Große Mausohr ist laut Nabu die größte heimische Fledermausart. Es bewohnt über Generationen hinweg großräumige, ungestörte Dachböden von Kirchen, Schlössern oder anderen großen Gebäuden. Die vorbeirauschenden Züge der aktiven Bahnstrecke stören die Tiere nicht, wohl aber Bauarbeiten: „Als Schotter für das Gleisbett gerüttelt wurde, wurden sie nervös – das fanden sie gar nicht lustig“, berichtet Diehl.
Historisches Ambiente und geplante Öffnungszeiten
Der Bahnhof, der mit dem Schild „Fledermaus Freundliches Haus“ gekennzeichnet ist, bewahrt sein historisches Flair: ein alter Schalter mit Scheibe und Glasluke, alte Fahrkarten und eine Waage. Veranstaltungen wie „Fledermaus & Bahnhof“ verbinden Eisenbahnambiente mit Live-Schaltungen zu den Fledermäusen. Die Öffnungszeiten sollen ausgebaut werden, auch Schulklassen sollen angesprochen werden. „Das läuft im Moment mit angezogener Handbremse“, sagt Diehl. Die Finanzierung erfolgt über eingeworbene Mittel und Fördergelder für Denkmalschutz. „Ansonsten gibt es viele Versprechungen ohne Folgen.“
Fledermäuse in Deutschland: 25 Arten, nur zwei nicht gefährdet
Fledermäuse gibt es seit 50 Millionen Jahren. In Deutschland kommen 25 Arten vor, von denen laut Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) nur derzeit zwei als nicht gefährdet gelten.



