In den Feuchtgebieten Berlins tauchen immer wieder ungewöhnliche Schlangen mit zwei hellen Rückenstreifen auf. Ein Forschungsteam des Berliner Naturkundemuseums hat die Tiere nun genetisch untersucht und festgestellt: Es handelt sich um Ringelnattern, die sich mit einer Unterart aus dem Balkan gekreuzt haben.
Gestreifte Schlangen in Berliner Parks
Die auffälligen Exemplare ähneln der heimischen Ringelnatter (Natrix natrix natrix), die normalerweise einen einfarbig grauen Rücken und zwei halbmondförmige Flecken hinter dem Kopf trägt. Die gestreiften Tiere haben dagegen zwei helle Streifen, die sich über den gesamten Körper ziehen. Sie wurden unter anderem im Britzer Garten, am Tegeler Fließ, im Spandauer Forst und im Spreepark in Treptow beobachtet. In Britz sind praktisch alle Ringelnatter gestreift.
Das Team um Frederic Griesbaum wertete mehr als 400 Beobachtungen von Naturfreunden aus, die über Bestimmungsapps wie „iNaturalist“ gemeldet wurden. Die genetische Analyse von 27 gefangenen Schlangen ergab, dass die gestreifte Zeichnung von der Balkan-Ringelnatter (Natrix natrix moreotica) stammt, die auf der Balkanhalbinsel und in der Türkei heimisch ist.
Kreuzung über Jahrzehnte
In den letzten drei bis vier Jahrzehnten haben sich die Balkan-Schlangen mit den heimischen Populationen gekreuzt. Berlin war lange ein wichtiger Umschlagplatz für Terrarientiere in Europa, und viele Halter haben die Tiere ausgesetzt. „Wahrscheinlich haben verantwortungslose Halter die Tiere ausgesetzt“, sagt Griesbaum im Gespräch mit dem Tagesspiegel. Urlauber brachten die Schlangen bis in die 1980er Jahre aus Kroatien oder Albanien mit, was heute strengstens verboten ist. In Zoogeschäften war die gestreifte Natter für 20 Mark erhältlich.
Die Forscher fanden an sieben Orten im Stadtgebiet gestreifte Ringelnattern. Die Ergebnisse wurden im Fachblatt „Conservation Genetics“ veröffentlicht.
Sorge um die heimische Vielfalt
Ringelnattern sind für den Menschen harmlos. „Selbst wer eine Schlange fängt, müsste keinen Biss befürchten“, erklärt Griesbaum. Die Tiere verteidigen sich eher durch ein stinkendes Sekret, wie der Wissenschaftler bei den Fangaktionen selbst erfuhr.
Dennoch sehen die Forscher „Anlass zur Sorge“. Aus naturschutzfachlicher Sicht sei eine Durchmischung der Genpools nicht wünschenswert, da die Vielfalt der Arten leidet. Zudem könnten die helleren Balkan-Schlangen an ein wärmeres Klima und andere Flora und Fauna angepasst sein, was in Berlin einen Überlebensnachteil bedeuten könnte.
Ausbreitung eindämmen – oder abwarten?
Theoretisch müsse die Ausbreitung eingedämmt werden, schreiben die Forscher. Praktisch sei es jedoch sehr schwierig, die Schlangen zu fangen. Da keine akute Bedrohung für die heimische Tierwelt besteht, rät Griesbaum zum Abwarten. Es sei möglich, dass die Streifen nach einigen Generationen wieder verschwinden. Die Populationen sollten jedoch weiter beobachtet werden.
Berliner können dabei helfen, indem sie Apps wie „iNaturalist“ oder den „Artenfinder“ der Stiftung Naturschutz Berlin nutzen. Wer die scheuen Schlangen beobachten will, sollte Gewässer in den geschützten Biotopen der Stadt aufsuchen. Die Nattern sind hervorragende Schwimmer und ernähren sich vor allem von Fischen und Fröschen.



