Die Blaukrabbe bringt Italiens Fischereibetriebe in Existenznöte. In den Lagunen und Küstengewässern der nördlichen Adria finden Fischer beim Einholen der Netze immer häufiger diesen ungebetenen Gast. Das aus dem Atlantik stammende Tier hat sich rasant ausgebreitet und gilt als eine der größten Bedrohungen für die italienische Fischerei. Muschelzuchten wurden verwüstet, Erträge brachen ein, ganze Familienbetriebe gerieten in Existenznot. Doch statt aufzugeben, suchen die Fischer neue Wege und setzen ihre Hoffnungen auf ein Produkt, das lange als Luxusgut galt: Austern.
Wandel in Venetien und Emilia-Romagna
In den Küstenregionen Venetien und Emilia-Romagna vollzieht sich ein bemerkenswerter Wandel. Fischereigenossenschaften und Aquakulturbetriebe investieren verstärkt in die Austernzucht, um die schweren Verluste auszugleichen, die die invasive Blaukrabbe verursacht hat. Die Strategie ist pragmatisch und ambitioniert: Wo Muscheln und andere Schalentiere zunehmend zur Beute der gefräßigen Krabben werden, sollen widerstandsfähigere Austern neue Einkommensquellen schaffen. „Wir müssen neue Märkte erschließen und unsere Produktion breiter aufstellen“, heißt es aus den Reihen der Genossenschaften.
Schäden in Millionenhöhe
Die Blaukrabbe hat in den vergangenen Jahren Schäden in Millionenhöhe verursacht. Mit ihren kräftigen Scheren zerstört sie Muschelzuchtanlagen, frisst Jungmuscheln und dezimiert andere Krustentier- und Fischbestände. Besonders hart getroffen wurden die Muschelzüchter im Delta des Po und entlang der oberen Adria, wo die Muschelproduktion traditionell eine zentrale Rolle für die lokale Wirtschaft spielt. Für viele Betriebe geht es um das wirtschaftliche Überleben. Zahlreiche Züchter mussten ihre Produktion stark reduzieren oder zeitweise einstellen. Die Suche nach Alternativen ist zur Existenzfrage geworden.
Im Fokus der Austernzucht stehen verschiedene Sorten wie „Mignon“, „Lampa“, „Golden“ und „Black Oyster“. Sie sind vor allem für die gehobene Gastronomie und den Großhandel bestimmt. Restaurants, Hotels und Feinkosthändler gelten als wichtige Absatzkanäle für die neue Produktionsoffensive.
Blaukrabbe selbst nutzen
Neben dem Ausbau der Austernzucht prüfen die Fischereigenossenschaften auch neue Möglichkeiten, die Blaukrabbe selbst wirtschaftlich zu nutzen. Eine Studie soll untersuchen, in welchem Umfang sich das Fleisch der Tiere vermarkten lässt. Ziel ist es, aus dem ökologischen Problem zumindest teilweise einen wirtschaftlichen Nutzen zu ziehen. In mehreren Regionen Italiens wird bereits versucht, die Krabbe stärker in die Gastronomie zu bringen und ihre Vermarktung auszubauen.
Langfristig setzen die Verantwortlichen jedoch auf eine grundlegende Anpassung der Produktionsstrukturen. Die Diversifizierung könne dazu beitragen, die wirtschaftliche Stabilität der Betriebe dauerhaft zu sichern, heißt es aus der Branche. Austern gelten als vergleichsweise widerstandsfähig gegenüber den Angriffen der Blaukrabbe und bieten bessere Zukunftsperspektiven als viele andere Zuchtarten.
Minister für niedrigere Mehrwertsteuer
Unterstützung erhält die Branche aus Rom. Der italienische Landwirtschaftsminister Francesco Lollobrigida wirbt seit Monaten dafür, den Austernkonsum in Italien deutlich zu steigern. Nach seiner Vorstellung sollen Austern ihren Ruf als exklusive Delikatesse verlieren und für breitere Bevölkerungsschichten erschwinglich werden. „Wir müssen möglichst viele Verbraucher in die Lage versetzen, Austern zu kaufen. Das darf keine Luxusware sein“, erklärte der Minister laut italienischen Medien. Austern seien ein gesundes Produkt, das auf der Arbeit der Fischzüchter beruhe und Wohlstand sowie Einkommen schaffen könne.
Ein zentrales Instrument könnte eine Senkung der Mehrwertsteuer sein. Derzeit werden Austern in Italien mit 22 Prozent besteuert. Lollobrigida setzt sich dafür ein, den Satz auf zehn Prozent zu reduzieren – jenen Steuersatz, der für viele Güter des täglichen Bedarfs gilt. Dadurch könnten die Preise sinken und die Nachfrage steigen.
Dauerhafte Präsenz der Krabbe
Italien versucht seit Längerem, die Ausbreitung der Blaukrabbe mit großangelegten Fangaktionen einzudämmen. Doch Experten bezweifeln, dass sich die Population dauerhaft kontrollieren lässt. Die Art hat sich in den warmen Gewässern des Mittelmeers etabliert und profitiert von veränderten Umweltbedingungen. Viele Wissenschaftler gehen davon aus, dass sich die Fischerei auf eine dauerhafte Präsenz der Krabbe einstellen muss. Ob die Austern-Offensive tatsächlich zum Rettungsanker für die betroffenen Regionen wird, bleibt abzuwarten. Doch zwischen den Lagunen des Po-Deltas und den Fischereihäfen der oberen Adria wächst die Überzeugung, dass die Zukunft der Branche nicht allein im Kampf gegen die Blaukrabbe liegt – sondern vor allem in der Fähigkeit, sich an eine neue Realität anzupassen.



