Am 10. Juli 2026 erlebte Ljubisa Karović auf einem Ryanair-Flug von Thessaloniki nach Memmingen einen Albtraum: Mitten im Flug zerbrach die Fensterscheibe neben seinem Sitz 11F. Der 61-jährige serbische Unternehmer wurde durch den plötzlichen Druckabfall mit dem Oberkörper aus dem Fenster gesogen und verlor das Bewusstsein. Sein Anwalt Vasilis Tsiaras schilderte dem „The Guardian“, Karović habe dem Tod ins Auge geblickt. Der Vorfall wirft Fragen zum Verhalten der Kabinenbesatzung auf.
Dramatische Minuten an Bord
Karović erinnert sich an die Explosion, wie er der Zeitung sagte. Ein Foto zeigt ihn mit einer Halskrause, die er mindestens sechs Wochen tragen muss. Er leidet unter Schmerzen, Brandwunden und blauen Flecken am rechten Arm bis zur Achselhöhle. Zweimal wurde er ohnmächtig, berichtet seine Frau Svetlana. Der Druck ließ sein Gesicht kurzzeitig anschwellen und verformen. Svetlana saß drei Reihen hinter ihm und eilte sofort zu Hilfe, nachdem die Scheibe zersplitterte und Sauerstoffmasken herabfielen. Andere Passagiere versuchten verzweifelt, ihren Mann festzuhalten. Einem Mitreisenden gelang es schließlich, das Loch mit einem Koffer abzudichten – eine Tat, für die sie unendlich dankbar ist. Die unerträgliche Situation, in der ihr Ehemann „halb im und halb außerhalb des Flugzeugs“ war, dauerte knapp zwei Minuten.
Vorwürfe gegen die Crew
Ryanair bestätigte auf dpa-Anfrage, dass sich ein Passagierfenster gelöst habe. Die Maschine kehrte nach Thessaloniki zurück, der verletzte Passagier erhielt medizinische Hilfe. Die Fluggesellschaft lobte die Crew als „phänomenal“. Doch Karovićs Anwalt widerspricht: „Zu keinem Zeitpunkt bot die Kabinenbesatzung Hilfe an.“ Ryanair habe weder seinen Mandanten noch dessen Frau kontaktiert. Gegen den Piloten habe die Familie keine Einwände – er habe die Situation „hervorragend gemeistert“. Tsiaras beruft sich auf Zeugen: Die Crew sei vor Angst wie gelähmt gewesen, womöglich in der Annahme, das Flugzeug stürze ab. „Alle waren sich einig, dass die Besatzung unter Schock stand.“ Geholfen hätten andere Passagiere.
Ryanairs Stellungnahme und Expertenmeinung
In einer Stellungnahme gegenüber „The Guardian“ erklärte Ryanair, dass bei Druckabfall alle Passagiere und die Crew angeschnallt sein und Sauerstoffmasken tragen müssten. Die Besatzung habe sich um Karović gekümmert, sobald das Flugzeug eine sichere Höhe erreicht hatte. Man habe ihn unter ärztlicher Aufsicht neben seine Frau gesetzt. Bei der Landung in Thessaloniki habe medizinische Hilfe bereitgestanden. Der emeritierte Professor für Luftfahrtelektronik Harald Hanke sagte der dpa, dass solche Vorfälle sehr selten seien. Er erklärte das Phänomen mit dem großen Druckunterschied zwischen Kabine und Außenluft. Bei einem großen Loch gleiche sich der Druck schlagartig aus, sodass Gegenstände oder nicht angeschnallte Passagiere angesaugt werden. Mit dem Druckabfall verbunden sei das Herabfallen von Sauerstoffmasken, was den Zeugenaussagen zufolge auch geschah.
Langer Genesungsweg und Appell
Für Karović beginnt nun ein langer Genesungsweg. Seine Ärzte hätten ihn davor gewarnt. Das Gespräch mit der Zeitung beendet er mit einer Botschaft: „Schnallt euch immer an. Ich möchte nicht, dass irgendjemand das durchmachen muss, was mir passiert ist.“ Die Ursache für das Zersplittern der Fensterscheibe wird derzeit noch untersucht.



