Mychajlo Drapatyj: Selenskyjs neuer Armeechef soll Krise beenden
Selenskyjs neuer Armeechef: Mychajlo Drapatyj

Mit der Ernennung des 43-jährigen Mychajlo Drapatyj zum neuen Oberbefehlshaber der ukrainischen Armee versucht Präsident Wolodymyr Selenskyj, die schwerste innenpolitische Krise seiner Amtszeit zu beenden. Die Personalentscheidung folgt auf turbulente eineinhalb Wochen, in denen die faktische Entlassung des beliebten Ex-Verteidigungsministers Mychajlo Fedorow landesweite Straßenproteste auslöste. Fedorow war erst sechs Monate im Amt und setzte vor allem auf die technologische Modernisierung der Streitkräfte. Seinem Aus gingen jedoch ein grundlegender Kompetenzkonflikt zwischen Verteidigungsministerium und Generalstab sowie ein persönlicher Machtkampf mit dem bisherigen Armeechef Oleksandr Syrskyj voraus.

Hintergrund der Krise

Obwohl viele Demonstranten seine Rückkehr forderten, wird Fedorow nicht ins Verteidigungsministerium zurückkehren. Ob er eine ihm angebotene Führungsposition im Technologiebereich übernimmt, ist offen. Politisch war eine Rückkehr ins Ressort jedoch ohnehin ausgeschlossen. Zu tief war der Konflikt mit dem Generalstab – auch auf persönlicher Ebene. Fedorow und Syrskyj hätten sich zuletzt nahezu nur noch angeschrien, heißt es in Kiew.

Selenskyjs Entscheidung für Drapatyj

Tatsächlich wurde Syrskyjs Entlassung ebenfalls auf den Straßen gefordert. Für den Präsidenten war dieser Schritt dennoch heikel: Während der Verteidigungsminister ein politisches Amt bekleidet, liegt die Ernennung des Oberbefehlshabers allein in seiner Kompetenz. Eine solche Entscheidung lässt sich kaum unter dem Druck der Straße treffen. Dennoch fiel die Wahl auf Drapatyj – ausgerechnet den Wunschkandidaten vieler Demonstranten. Das könnte den Eindruck verstärken, Selenskyj habe dem Druck nachgegeben, unabhängig davon, ob dieser Eindruck zutrifft.

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Militärische Karriere Drapatyjs

Zur militärischen Legende wurde Drapatyj bereits in den ersten Monaten des Donbasskriegs. Während der Kämpfe um Mariupol im Mai 2014 half sein Bataillon eingeschlossenen ukrainischen Polizisten, aus der Umzingelung durch prorussische Separatisten auszubrechen. Wenig später führte er als Kommandeur rund 260 Soldaten verschiedener Einheiten aus einem Kessel nahe der russischen Grenze. Auch im russischen Großangriff spielte Drapatyj mehrfach eine wichtige Rolle. Er trug maßgeblich zur Befreiung von Cherson Ende 2022 bei. Als Russland Mitte 2024 eine Offensive in der Region Charkiw begann, wurde der General gezielt als „Feuerwehrmann“ dorthin entsandt und stabilisierte die Lage rasch. Mitte 2025 trat er allerdings als Kommandeur der Landstreitkräfte nach einem russischen Angriff auf einen Übungsplatz in der Region Sumy zurück.

Drapatyj: Keine Kompromissfigur

Innerhalb der Streitkräfte genießt Drapatyj einen ausgezeichneten Ruf. Ihm wird strategisches Denken nachgesagt. Seine Ernennung birgt jedoch auch Risiken: Er gilt als führender Vertreter einer der drei großen Gruppen innerhalb der ukrainischen Generalität, deren Verhältnis zueinander als angespannt gilt. Eine Kompromissfigur ist der 43-Jährige deshalb nicht – und in einer Armee mit bis zu einer Million Angehörigen gibt es oft mehr Politik als in der Politik selbst.

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