Carbonara-Streit: Wer hat die berühmte Pasta wirklich erfunden?
Die italienische Küche genießt weltweit höchstes Ansehen und wurde als erste Küche überhaupt zum immateriellen UNESCO-Weltkulturerbe ernannt. Doch hinter vermeintlich klassischen Gerichten verbergen sich mitunter überraschende Geschichten. Ein besonders hitziger Disput entzündet sich an der Herkunft der beliebten Pasta Carbonara – ein Streit, der nationale Identitäten und kulinarische Traditionen infrage stellt.
Italiener gegen Amerikaner: Der Kampf um die kulinarische Vorherrschaft
Ausgerechnet ein Italiener stellt die eigene Küchentradition auf den Prüfstand: Alberto Grandi, Professor für Lebensmittelgeschichte, provoziert regelmäßig mit seiner These, dass viele als typisch italienisch geltende Gerichte in Wahrheit ausländische Einflüsse aufweisen. Sein Ziel ist es, gegen einen übertriebenen „Gastro-Nationalismus“ in Italien anzukämpfen – eine starke Identifikation mit der eigenen Küche, die historische Fakten oft vernachlässige.
Vor etwa zweieinhalb Jahren präsentierte Grandi ein vermeintliches Originalrezept für Pasta Carbonara, das deutlich von der heutigen Zubereitung abwich. Statt des typischen Pecorino-Käses enthielt es Schweizer Gruyère, und auch Knoblauch war als Zutat verzeichnet. Besonders brisant: Das Rezept soll im Zusammenhang mit der Alliierteninvasion durch US-Soldaten nach dem Zweiten Weltkrieg nach Italien gelangt sein. Diese These würde bedeuten, dass Amerikaner das Gericht im Grunde erfunden hätten.
Historische Spuren führen in die USA und zurück
Grandi stützt seine Argumentation auf die früheste überlieferte Kochanleitung, die er in einer Ausgabe der Zeitschrift „Cucina Italiana“ aus dem Jahr 1954 fand. Die Verwendung von Gruyère-Käse deutet für ihn klar auf ausländische Einflüsse hin. Noch frühere Hinweise finden sich in den USA: Bereits 1952 tauchte „Spaghetti Carbonara“ in einem Restaurantführer für Chicago auf.
Doch jetzt gibt es neue, überraschende Erkenntnisse, die die Debatte weiter anheizen. Wie die nationale Online-Tageszeitung „Il Post“ berichtet, entdeckten die niederländischen Journalisten Janneke Vreugdenhil und Edwin Winkels in der Zeitung „De Koerier“ einen Artikel vom 23. August 1939, in dem „Spaghetti alla Carbonara“ ausdrücklich erwähnt werden. Damit existierte der Name des Gerichts bereits fünf Jahre vor der Ankunft der Amerikaner in Italien während des Zweiten Weltkriegs.
Experten bleiben vorsichtig
Alberto Grandi reagierte auf den neuen Fund zurückhaltend. Wie er der Deutschen Presse-Agentur erklärte, zeige der Artikel lediglich, dass der Name „Carbonara“ bereits 1939 verwendet wurde. „Nach Köhlerart“ lautet die wörtliche Übersetzung. Über die konkrete Zubereitung und die tatsächlichen Zutaten sage dieser frühe Beleg jedoch nichts aus. Die entscheidende Frage, ob es sich damals bereits um das heute bekannte Gericht mit Eiern, Guanciale, Pecorino und Pfeffer handelte, bleibt unbeantwortet.
Die Herkunft der Carbonara bleibt damit weiterhin ein Rätsel. Während einige Experten auf amerikanische Einflüsse durch Soldaten verweisen, deuten frühe schriftliche Erwähnungen darauf hin, dass der Name zumindest bereits vor dem Zweiten Weltkrieg in Italien bekannt war. Die Debatte zeigt, wie sehr kulinarische Traditionen mit nationaler Identität verknüpft sind und wie schwierig es sein kann, die wahre Geschichte eines Gerichts zweifelsfrei zu rekonstruieren.
Die Diskussion um die Carbonara ist symptomatisch für einen größeren Trend: Immer häufiger werden scheinbar eindeutige kulinarische Zuschreibungen infrage gestellt. Was als typisch national gilt, entpuppt sich oft als Ergebnis kultureller Austauschprozesse über Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte hinweg. Die Carbonara steht damit exemplarisch für die komplexe, verwobene Geschichte unserer Esskulturen.



