Streit um Honorare: Psychotherapeuten müssen ab April 4,5 Prozent weniger verdienen
Niedergelassene Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten werden ab dem 1. April finanziell schlechter gestellt. Ein gemeinsamer Ausschuss der Krankenkassen und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) hat kurzfristig beschlossen, die Honorare um 4,5 Prozent zu kürzen. Diese Entscheidung wurde gegen den ausdrücklichen Willen der KBV gefällt und stößt auf scharfe Kritik von Interessenvertretungen.
Entscheidung gegen den Willen der Ärztevertretung
Hintergrund ist die jährliche Überprüfung der Honorarhöhe durch den Bewertungsausschuss. Da sich Krankenkassen und KBV nicht einigen konnten, kam der Erweiterte Bewertungsausschuss zum Einsatz. Mit einem unparteiischen Vorsitzenden und zwei weiteren neutralen Mitgliedern wurde die Kürzung durchgesetzt. Zwar steigt gleichzeitig der Strukturzuschlag, doch Experten rechnen mit einer effektiven Honorarminderung von 2,3 bis 3,5 Prozent.
Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der KBV, äußerte sich entsetzt: "Diese Entscheidung hat die Interessen psychisch kranker Menschen außer Acht gelassen." Er betonte, dass gerade in der ambulanten Versorgung gespart werde, obwohl hier vergleichsweise kostengünstig behandelt werde. Das Deutsche Psychotherapeutennetzwerk rechnet vor, dass die Kürzung die Gesamtkosten der gesetzlichen Krankenversicherungen nur um etwa 0,05 Prozent senken würde.
Patienten leiden unter Versorgungslücke
Die KBV warnt, dass vor allem Patientinnen und Patienten die Leidtragenden sein werden. Die Nachfrage nach psychotherapeutischen Leistungen ist in den letzten Jahren stetig gestiegen, während das Angebot knapp bleibt. Im Durchschnitt müssen Betroffene etwa hundert Tage warten, bis nach einem Erstgespräch eine Therapie beginnen kann.
Der GKV-Spitzenverband verteidigt die Entscheidung mit dem Argument, dass die Honorare der Psychotherapeuten seit 2013 überproportional gestiegen seien und ein ausgeglichenes Verhältnis zu anderen Fachgruppen hergestellt werden müsse. Aus Sicht der Kassen wäre sogar eine Senkung um zehn Prozent angemessen gewesen.
Kritik von Fachverbänden und Petition
Die Bundespsychotherapeutenkammer widerspricht dieser Darstellung vehement. Sie betont, dass Psychotherapeuten bereits jetzt die Fachgruppe mit den niedrigsten Honoraren seien. Eine Psychotherapeutin startete nach der Entscheidung eine Petition, die binnen zwei Tagen über 130.000 Unterschriften sammelte. Sie kritisiert, dass die Kürzung im Widerspruch zu politischen Forderungen stehe, Krankheitszeiten zu reduzieren und die Erwerbsfähigkeit zu stärken.
Der Bundesverband für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie warnt besonders vor den Folgen für junge Patienten. Steigende Kosten für Miete und Energie bei sinkenden Honoraren könnten dazu führen, dass immer weniger Therapeuten in diesem Bereich arbeiten wollen. Dabei sei der Bedarf an Therapieplätzen für Kinder und Jugendliche besonders hoch.
Die Debatte zeigt, wie fragil das Gleichgewicht zwischen Kostendruck und Versorgungsqualität im Gesundheitswesen ist. Während die Krankenkassen auf Einsparungen pochen, fürchten Therapeuten und Patienten eine weitere Verschlechterung der ohnehin angespannten Lage.



