Vom schwedischen Unglücksschiff zur DDR-Ikone: Die legendäre Kreuzfahrt der 'Völkerfreundschaft'
DDR-Kreuzfahrtlegende 'Völkerfreundschaft': Vom Unglücksschiff zur Ikone

Vom schwedischen Unglücksschiff zur DDR-Kreuzfahrtlegende

Die Geschichte der „Völkerfreundschaft“ beginnt nicht in der DDR, sondern im schwedischen Göteborg. Dort wurde das Schiff 1946 unter dem Namen „Stockholm“ gebaut. Internationale Bekanntheit erlangte es jedoch auf tragische Weise: 1956 kollidierte es vor der US-Küste im dichten Nebel mit einem italienischen Luxusliner. Während das größere Schiff sank und 51 Menschen starben, konnte die beschädigte „Stockholm“ gerettet und in New York repariert werden.

Die Transformation zum sozialistischen Vorzeigeschiff

1960 kaufte die DDR den Ozeanliner und ließ ihn umfassend umbauen. Ausgestattet mit einem Schwimmbecken, einer Tanzfläche, einem Friseursalon und einem Kino wurde das Schiff zum Aushängeschiff des sozialistischen Staates. Der ehemalige Steward Reinhard Brandt erinnert sich: „Das war eine sehr interessante Zeit: Seefahrt zu den Bedingungen der DDR. Es war die einzige Möglichkeit, das Land legal zu verlassen.“ Für viele DDR-Bürger war die „Völkerfreundschaft“ ein seltenes Fenster zur Welt und ein Symbol für Fernweh, das im Alltag oft verwehrt blieb.

Reisen zwischen Ostsee und Karibik

Von Rostock aus starteten die Reisen in die Ostsee, ins Schwarze Meer und zeitweise sogar in die Karibik. Das Schiff fuhr stolze 25 Jahre auf den Meeren der Welt umher und brachte seine Passagiere bis nach Kuba. Doch die Fahrten waren nicht nur touristischer Natur, sondern auch politisch höchst sensibel. Während der Kuba-Krise 1962 geriet das Schiff in die Nähe der amerikanischen Blockade und wurde von einem US-Zerstörer über Stunden begleitet.

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Zwischenfälle und Sicherheitsmaßnahmen

Gleichzeitig bestand stets die Sorge, dass Passagiere oder Crewmitglieder fliehen könnten. „Deshalb hielten bei engen Passagen wie etwa der Durchfahrt durch den Bosporus immer Leute von der Besatzung Wache, dass keiner über Bord springt“, schilderte Brandt. Auch später blieb das Schiff von Zwischenfällen nicht verschont: 1968 kollidierte es mit einem westdeutschen U-Boot-Jäger in der Ostsee, 1983 stieß es mit einem U-Boot der Bundesmarine zusammen. Ernsthafte Schäden blieben in beiden Fällen jedoch aus.

Wirtschaftlicher Niedergang und das Ende einer Ära

Wirtschaftlich wurde der Betrieb der „Völkerfreundschaft“ zunehmend zum Problem. Der Unterhalt lohnte sich nicht mehr und das Schiff entwickelte sich zu einem Zuschussgeschäft für die DDR. 1985 wurde es nach 117 angelaufenen Häfen in 51 Ländern sowie einer gefahrenen Strecke, die rechnerisch 68 Erdumrundungen entspricht, verkauft. In den folgenden Jahrzehnten wechselte das Schiff mehrfach Namen und Besitzer – von „Azores“ bis „Astoria“ – und diente sogar als Kulisse für die ProSieben-Show „Germany’s Next Topmodel“.

Das endgültige Aus für die Legende

2021 übernahm ein US-Unternehmen den betagten Ozeanliner, doch alle Hoffnungen auf eine weitere Nutzung zerschlugen sich 2025. Mit der Entscheidung zur Verschrottung endete eine Ära. Die ausgemusterten Teile wurden von der belgischen Abwrackfirma „Galloo“ verwertet. Die „Völkerfreundschaft“ bleibt jedoch als Symbol einer besonderen Zeit in Erinnerung: ein Schiff, das für viele DDR-Bürger nicht nur Urlaub, sondern auch einen seltenen Blick über die Grenzen hinaus bedeutete.

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