Neue Funde im Schamaninnen-Grab von Bad Dürrenberg: Vier Tote und rätselhafte Rituale
Schamaninnen-Grab: Vier Tote und rätselhafte Rituale

Neue Funde im Schamaninnen-Grab von Bad Dürrenberg: Vier Tote und rätselhafte Rituale

Die archäologische Welt ist in Aufregung: Neue wissenschaftliche Untersuchungen des rund 9.000 Jahre alten Grabs der Schamanin von Bad Dürrenberg haben überraschende Erkenntnisse zutage gefördert. Statt der bisher bekannten zwei Individuen wurden nun insgesamt vier Tote in dem Grab identifiziert. Diese bahnbrechenden Ergebnisse werden in der Sonderausstellung „Die Schamanin“ im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle präsentiert, die am Freitag eröffnet und bis zum 1. November 2026 zu sehen ist.

Verwandtschaftsverhältnisse und zusätzliche Kinderbestattungen

Bereits länger war bekannt, dass die Schamanin nicht allein beigesetzt wurde – in ihren Armen lag ein etwa sechs Monate alter männlicher Säugling. Genetische Analysen haben nun eine Verwandtschaft zwischen beiden bestätigt, allerdings nur im vierten oder fünften Grad. Dies könnte auf einen Ur-ur(ur)enkel oder einen entfernten Verwandten wie einen (Groß-)Cousin oder Großneffen hindeuten.

Bei erneuten Untersuchungen des Knochenmaterials entdeckten Forscher zwei weitere menschliche Wirbel, die zu männlichen Kindern im Alter zwischen zwei und sechs Jahren gehören. Damit sind nun vier Individuen im Grab nachgewiesen: die Schamanin, der Säugling sowie zwei weitere Kinder, die jeweils nur durch einzelne Wirbel belegt sind. Genetische Tests ergaben, dass einer der Wirbel von einem Zwillingsbruder des Säuglings stammt, der jedoch mindestens zwei Jahre länger lebte. Das zweite Fragment wird einem weiteren Bruder zugeordnet, der im Alter von etwa zwei bis sechs Jahren verstarb.

Breites Pickt-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App für Telegram

Rätsel um den Bestattungsablauf und nächtliche Rituale

Die neuen Funde werfen faszinierende Fragen zum Ablauf der Bestattung auf. Da die Zwillinge nicht gleichzeitig gestorben sein können, diskutieren Archäologen mehrere Szenarien:

  • Eine gemeinsame Niederlegung aller vier Individuen, was bedeuten würde, dass der früh verstorbene Säugling über Jahre konserviert worden sein müsste.
  • Eine mehrphasige Bestattung, bei der das Grab später erneut geöffnet wurde.
  • Eine zunächst alleinige Bestattung der Schamanin mit später hinzugefügten Kinderbestattungen.

Naturwissenschaftliche Analysen liefern Hinweise auf die Rituale: Pollen im Kopfbereich deuten auf eine Bestattung im Juli und möglicherweise auf Blumenschmuck hin. Brandspuren sprechen für ein nächtliches Ritual, und umfangreiche Beigaben legen nahe, dass zahlreiche Menschen an der Zeremonie beteiligt waren. „Die neuesten Ergebnisse zeigen einmal mehr, wie vielschichtig und rätselhaft prähistorische Bestattungsriten gewesen sein können“, sagte Landesarchäologe Harald Meller.

Ungewöhnliche Details: Rinderhaare und federgeschmückter Ornat

Weitere Analysen brachten unerwartete Details ans Licht: Aus dem Grabsediment wurden mehr als 20 dunkle Haarreste von Rinderartigen geborgen, und DNA von Auerochse oder Wisent wurde nachgewiesen. Diese Funde konzentrieren sich im Kopfbereich der Schamanin, wo auch der Säugling lag. Möglicherweise war dieser in ein Rinderfell gewickelt oder die Schamanin trug entsprechende Kleidung. Mikroskopische Reste deuten zudem auf einen mit Federn geschmückten Ornat hin.

Die Ausstellung: Einzigartige Einblicke in den Schamanismus

Die Ausstellung gilt als erste große Schau zum Schamanismus aus archäologischer Perspektive in Mitteleuropa. Auf rund 900 Quadratmetern werden 192 Exponate und Exponatgruppen von 39 Leihgebern aus 14 Ländern präsentiert. Zu den Highlights zählen:

  • Das weltweit älteste erhaltene sibirische Schamanengewand, das bereits 1788 in die Universitätssammlung Göttingen gelangte.
  • Die hölzerne menschengestaltige Figur von Willemstad in den Niederlanden, in deren Gesichtszügen gelegentlich die Darstellung des ältesten Lächelns der Welt vermutet wird und die in die Zeit um 5400 vor Christus datiert.

„Die Sonderausstellung zur Schamanin von Bad Dürrenberg führt uns eindrucksvoll vor Augen, wie forschungsdynamisch unsere Kenntnis der Vorgeschichte ist“, betonte Sebastian Putz, Staatssekretär für Kultur in der Staatskanzlei und Ministerium für Kultur.

Pickt After-Article-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App mit Familien-Illustration

Historischer Hintergrund des Grabfunds

Das Grab der Schamanin wurde 1934 bei Bauarbeiten in Bad Dürrenberg entdeckt und gilt als das älteste sicher nachgewiesene Schamaninnengrab der Welt. Die etwa 30 bis 35 Jahre alte Frau wurde sitzend bestattet, und ein Kopfschmuck aus Rehgeweih und Tierzähnen unterstreicht ihre besondere Stellung in der prähistorischen Gemeinschaft. Die aktuellen Untersuchungen unterstreichen das immense Potenzial moderner naturwissenschaftlicher Methoden in der Archäologie und eröffnen neue Perspektiven auf die geistigen Welten früher Gesellschaften.