Die verschwundene Fischerkirche von Warnemünde: Ein Stück Geschichte in der Vitrine
Warnemünde, der malerische Küstenort bei Rostock, bewahrt in seinen Mauern zahlreiche historische Schätze, die von einer reichen Vergangenheit erzählen. Eines dieser wertvollen Zeugnisse ist jedoch fast unsichtbar geworden: die alte Fischerkirche am Alten Strom. Dieses Gotteshaus, das einst das religiöse Zentrum der Fischergemeinde bildete, existiert heute nur noch in Form eines detailgetreuen Modells, das in der neuen Kirche auf dem Kirchenplatz ausgestellt ist.
Ein Abriss und seine Folgen
Die ursprüngliche Fischerkirche, die vermutlich aus dem 15. Jahrhundert stammte und dem Heiligen Nikolaus geweiht war, wurde im Jahr 1872 aufgrund erheblicher Baufälligkeit abgerissen. Mit ihren beeindruckenden Maßen von 38 Metern Länge und 12 Metern Breite dominierte sie einst das Bild nördlich des Vogteigebäudes. An ihrer Stelle entstand später die neugotische Kirche auf dem heutigen Kirchenplatz, die fortan als Ort für Gottesdienste diente.
Historische Einblicke durch Kunst und Forschung
Dass heute überhaupt noch ein Eindruck vom Innenraum der alten Fischerkirche existiert, ist dem Maler Otto Dörr zu verdanken. Im Jahr 1864, etwa ein Jahrzehnt vor dem Abriss, erhielt er den Auftrag, das Innere des Gotteshauses zu malen. Obwohl das Gemälde unvollendet blieb, bietet es wertvolle Einblicke in die architektonische Gestaltung und Ausstattung. Das Original befindet sich heute im Archiv der Hamburger Kunsthalle und ist daher nicht öffentlich zugänglich.
Professor Horst D. Schulz, ein in Warnemünde geborener Geochemiker und Heimatforscher, hat durch seine Arbeit und die digitale Bearbeitung eines Fotos dieses Gemäldes mit moderner Technik dazu beigetragen, die Erinnerung an die Kirche wachzuhalten. Museumsleiter Christoph Wegner betont in seiner Publikation "Zur Ortsgeschichte Warnemündes" die historische Bedeutung des Bauwerks, das über 18 Buntglasfenster und flexible Sitzreihen verfügte, die bei Beerdigungen entfernt werden konnten.
Gerettete Artefakte und ihr neues Zuhause
Neben dem Modell in der Glasvitrine haben weitere bedeutende Objekte aus der alten Fischerkirche die Zeit überdauert und finden sich heute im neuen Kirchengebäude:
- Eine Statue des heiligen Christophorus, des Patrons der Reisenden
- Der historische Altar aus dem Jahr 1475
- Das als "Schnau" getakelte Votivschiff des ehemaligen Lotsenkommandeurs Joachim Davids
- Mehrere Pfarrerporträts
- Die Glocke aus dem Jahr 1433
Diese Artefakte bilden zusammen eine lebendige Brücke zur Vergangenheit und zeigen, dass die Fischerkirche trotz ihres physischen Verschwindens im kollektiven Gedächtnis und durch materielle Überreste weiterlebt. Das Heimatmuseum Warnemünde unter der Leitung von Christoph Wegner spielt dabei eine zentrale Rolle bei der Bewahrung dieser kulturellen Identität.
Die Geschichte der alten Fischerkirche steht exemplarisch für viele Warnemünder Schätze, die darauf warten, entdeckt und gewürdigt zu werden. Sie erinnert daran, dass Heimat nicht nur ein geografischer Ort ist, sondern auch aus Erinnerungen, Geschichten und gemeinsamen Werten besteht, die von Generation zu Generation weitergetragen werden.



