Satire mit politischer Sprengkraft: Die 'Titanic'-Boygroup im Porträt
Mit der Forderung nach einer "Bierpreisbremse" hat die satirische "Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative" kürzlich einen Stadtratssitz in München erobert. Über zwanzig Jahre nach der Parteigründung durch Martin Sonneborn, ehemaliger Chefredakteur des legendären Satiremagazins "Titanic", zeigt sich die politische Wirkung humorvoller Provokation.
Drei Tenöre der Satire
Am Montag kommt es in München zu einem besonderen Treffen: Martin Sonneborn, Thomas Gsella und Oliver Maria Schmitt - allesamt ehemalige "Titanic"-Chefredakteure - treten als "Titanic"-Boygroup im Lustspielhaus auf. Unter dem Titel "300,3 Jahre Satire Supreme für Deutschland" präsentieren sie ein Best-of ihrer schärfsten und witzigsten Arbeiten.
"Das ist eine Einstellung", erklärt Sonneborn im Gespräch. "Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten, auf dieses komplett wahnsinnig gewordene kapitalistische System zu reagieren. Leute, die sich nicht in den Alkoholismus oder den bewaffneten Widerstand flüchten, sondern satirisch auf Dinge reagieren, finden sich dann halt bei 'Titanic' zusammen."
Von der Theorie zur politischen Praxis
Interessanterweise schrieb Sonneborn bereits 1994 in seiner Magisterarbeit über "die absolute Wirkungslosigkeit moderner Satire" - eine These, die er später selbst widerlegte. "Das Nächste, was ich dann gemacht habe, war mit ein wenig Bestechung die Fußball-Weltmeisterschaft nach Deutschland zu holen", erinnert er sich mit einem Augenzwinkern.
Der Präsentkorb mit Kuckucksuhr und Schwarzwälder Schinken für FIFA-Funktionäre habe dem Bruttosozialprodukt Milliarden gebracht und sogar zu einem kleinen Baby-Boom geführt. "Eine befreundete Hebamme hat neun Monate nach der WM keine freien Termine mehr gehabt", so Sonneborn.
Politische Scharmützel in München
Besondere Aufmerksamkeit widmet das Trio der bayerischen Landeshauptstadt. Im letzten Wahlkampf kam es zu einem kuriosen Vorfall: Die CSU hatte ein Wahlplakat der Partei geklaut, das Friedrich Merz mit der Überschrift "Wenn du Trump bei Wish bestellst" zeigte. "Wir haben einen GPS-Tracker eingebaut und festgestellt, dass das Plakat nur fünf Meter weiter nach Norden gewandert war: in die CSU-Parteizentrale", berichtet Sonneborn.
Die anschließende Anzeige und der Hinweis auf Gefahr im Verzug führten jedoch nicht zum erhofften Polizeieinsatz. "Vollmundig wurde eine Entschuldigung versprochen, auf die ich bis heute warte. Die hole ich mir dann jetzt am Montag ab", kündigt der Satiriker an.
Kritik an europäischer Politik
Seit 2014 sitzt Sonneborn im EU-Parlament und nutzt diese Position für scharfe Kritik. Besonders die Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen steht im Fokus. "Sie setzt Milliarden in den Sand, rüstet vertragswidrig die EU auf und will vertragswidrig Schulden aufnehmen. Dafür gibt es zu wenig Kritik in allen Mitgliedsländern", moniert er.
Eine geplante Ausstellung im Europäischen Parlament mit provokativen Bildern der Kommissionspräsidentin wurde im letzten Moment abgesagt. "Zu sehen war unter anderem die Kommissionspräsidentin, relativ unbekleidet, in der Badewanne mit dem Pfizer-Chef Albert Bourla", beschreibt Sonneborn die umstrittenen Motive.
Die Zukunft der Satire
Trotz aller politischen Aktivitäten bleibt die Bühne ein wichtiger Ort für die drei Satiriker. "Es gibt bei uns also noch Old-School-Satire: plump, primitiv, lustig", beschreibt Sonneborn ihren Stil. Das Publikum sei gemischt, auch wenn die Leserschaft des "Titanic"-Magazins tendenziell älter werde.
"Die jungen Leute lesen ja nicht mehr", stellt Sonneborn fest. "Aber bei den Auftritten ist es dagegen eher gemischt. Dadurch, dass wir inhaltlich relativ aggressiv sind, gibt es immer noch diese ein, zwei Millionen in Deutschland, die sich für so etwas interessieren."
Die Münchner Veranstaltung verspricht eine Mischung aus politischer Analyse und humorvoller Unterhaltung - ganz im Stil der "Titanic"-Tradition, die seit Jahrzehnten die deutsche Satirelandschaft prägt.



