Berlinale startet mit bescheidener Gala und politischen Untertönen
Die Eröffnung der Berlinale am Potsdamer Platz präsentierte sich in diesem Jahr ungewöhnlich zurückhaltend. Der traditionelle Glamour wich einer nüchternen Atmosphäre, die Berlins aktuelle Unsicherheiten widerspiegelt. Der Eröffnungsfilm „No Good Men“ setzte mit seiner Darstellung des Taliban-Einmarschs in Kabul einen politischen Akzent, der perfekt zur allgemeinen Stimmung passte.
Potsdamer Platz zwischen Vergangenheit und Gegenwart
Der Potsdamer Platz, einst durch die Mauer geteilt, glänzte während der Eröffnungsgala lediglich durch eine riesige Discokugel und flirrende Lichteffekte. Festivaldirektorin Tricia Tuttle tanzte in einem glitzernden Mantel unter der Installation, während ein Musiker die Fußballhymne „Zeit, dass sich was dreht“ intonierte. Doch der rot verteppichte Platz, nur mühsam mit einem „Hub“-Container aufgepeppt, vermochte nicht über die grundlegende Verunsicherung hinwegzutäuschen.
In Erinnerung bleibt die Sequenz aus Wim Wenders‘ „Der Himmel über Berlin“, die während der Gala gezeigt wurde. Der Film, der einst die geteilte Stadt porträtierte, wirkt heute wie ein nostalgischer Blick zurück auf eine Zeit, als der Himmel über Berlin zwar geteilt, der Blick nach oben jedoch für alle frei war.
Politische Zurückhaltung nach vergangenen Eklats
Auffällig war das Fehlen politischer Reden auf der Eröffnungsgala. Nach den kontroversen Debatten um den Nahost-Konflikt in den Vorjahren schienen alle Beteiligten darauf bedacht, sich nicht erneut die Lippen zu verbrennen. Selbst Kulturstaatsminister Wolfram Weimer und der Regierende Bürgermeister Kai Wegner (beide CDU) durften lediglich kurz ins Publikum winken und erhielten dafür nur lauwarmen Applaus.
Wegner, der in Begleitung seiner Lebensgefährtin, Schulsenatorin Katharina Günther-Wünsch (ebenfalls CDU), erschien, zeigte sich im Nachhinein gelassen. „Die Filme sollen doch im Vordergrund stehen“, rief er im Foyer und fügte vergnügt hinzu: „Ich glaube nicht, dass jemand unsere Reden vermisst hat.“
Filmkunst als Hoffnungsträger
Auf der Bühne konzentrierten sich die Beiträge ganz auf die Kraft des Kinos. Die malaysische Star-Schauspielerin Michelle Yeoh betonte bei der Überreichung des Goldenen Ehrenbären: „Filme sind nie etwas Einsames. Im Kino treffen wir uns in der Dunkelheit mit unseren offenen Herzen.“ Diese Worte schienen wie eine programmatische Aussage für eine Berlinale, die im internationalen Festivalzirkus um ihr Selbstwertgefühl ringt.
Doch all der Glitzer und die warmen Worte konnten nicht den unsichtbaren Schmerz überstrahlen, den Berlin gerade am Potsdamer Platz in sich trägt. Wim Wenders beschrieb diese Gefühlslage im Tagesspiegel treffend: Aus zwei grundverschiedenen Geschichten, Staatswesen und Lebenseinstellungen sei nicht das erhoffte Neue entstanden.
Eröffnungsfilm mit politischer Botschaft
Der Berlinale-Palast war hoffnungslos überbucht, viele Besucher mussten mit Stehplätzen vorliebnehmen. Doch bereits während des Vorspanns eilten zahlreiche Schauspielerinnen und Schauspieler aus dem Saal, um rechtzeitig an den Partybuffets der ersten Festivalnacht zu gelangen.
Der Eröffnungsfilm „No Good Men“ erzählt den Fall von Kabul an die Taliban aus der Perspektioneiner mutigen Kamerafrau. Obwohl die dokumentarisch gedrehte Fiktion filmisch nicht überwältigt, transportiert sie eine wichtige Botschaft für das Selbstverständnis der Berlinale: Wenn hier schon nicht mehr das glanzvollste Festival der Welt stattfindet, dann zumindest das politisch wirkmächtigste.
Nach dem Abspann brandete langanhaltender Applaus auf. In ihm lag vielleicht auch Erleichterung, nicht die Wunden der Menschen in Kabul in sich tragen zu müssen, sondern nur die eigenen, Berliner Verletzungen.
Berlinale als Spiegel der Welt
In den kommenden zehn Tagen und Nächten zeigt die Berlinale die ganze Welt in ihren 277 Filmen. Mehr als zwei neugierige Augen braucht es, um die Welt zu sehen, wie sie ist – und um zu erspüren, wie sie vielleicht eine bessere werden könnte.
Der niederländische Schriftsteller Cees Nooteboom, der kürzlich verstarb, fragte einst in seinen „Berliner Notizen“: „Wie sieht ein Fisch den Fluss, in dem er schwimmt?“ Seine Worte erinnern an jenen glanzvollen Moment, als die beiden halbierten Städte östlich und westlich der Spree wieder ineinanderflossen. Heute ist die Stadt, die einst zwei halbierte war, immer noch nicht ganz ein Ganzes.
Die Berlinale zeigt neugierigen Augen die Teilungen der neuen Welt. Zu viel Glanz würde dies womöglich sogar überdecken. Als um Mitternacht die Besucher in die Nacht traten, war am Himmel über Berlin der Neumond kaum zu sehen – ein passendes Bild für ein Festival, das in unsicheren Zeiten nach Lichtpunkten sucht.



