Immer mehr Menschen in Deutschland wenden sich bei Beziehungsproblemen an künstliche Intelligenz. Eine aktuelle Studie der Pronova BKK ergab, dass 39 Prozent der Deutschen bereits KI-Chatbots wie ChatGPT oder Gemini zu Partnerschaftsfragen genutzt haben. Besonders Männer zeigen sich offen: 44 Prozent der Männer glauben, mit einem Bot offener über Beziehungsprobleme sprechen zu können als mit dem Partner, während es bei den Frauen 33 Prozent sind.
Isabells Erfahrung: Von der Scham zur KI
Die 41-jährige Isabell aus Stuttgart wandte sich an ChatGPT, als sie den Verdacht hatte, dass ihr Ehemann sie betrügt. „Ich habe die KI befragt, weil es mir ein bisschen peinlich war, darüber mit einer echten Person zu sprechen“, sagt sie. Die KI half ihr, ihre Gedanken zu sortieren und Formulierungen zu finden. Nachdem ihr Mann zugegeben hatte, dass er zu Prostituierten ging, suchte sie erneut Rat bei der KI. „Ich habe sie gefragt, ob ich meine eigene Affäre haben sollte.“ Die KI antwortete: „Die wichtigere Frage ist, ob Dir eine eigene Affäre wirklich helfen würde, das zu erreichen, was Du willst.“
Wissenschaftliche Perspektive: Vorteile und Grenzen
Dana Mahr vom Karlsruher Institut für Technologie erklärt den Trend: „Aus meiner Sicht wird KI zunehmend als niedrigschwelliger Gesprächs- und Reflexionsraum genutzt. Das reicht von Formulierungshilfen für schwierige Nachrichten über das Sortieren eigener Gefühle bis hin zu konkreten Ratschlägen bei Konflikten.“ Die Vorteile liegen auf der Hand: „Sie ist jederzeit verfügbar, reagiert nicht verletzt, beschämt nicht und kann sehr geduldig wirken.“ Allerdings fehle der KI, was nur menschliche Kontakte leisten können. „Freundinnen bringen etwas ein, was die KI nicht hat: Beziehungsgeschichten, soziale Einbettungen, eigene Erfahrung und Verantwortung.“
Psychologische Risiken: Bestätigungsfalle und fehlende Perspektive
Psychologe Bastian Schiller von der Universität Heidelberg warnt vor möglichen Risiken: „Die Sicht, die ich eh schon habe, wird noch mehr bestätigt, und ich lerne vielleicht nicht, da mal von der anderen Seite draufzugucken.“ KI neige dazu, schmeichelnd zu reagieren, weil sie darauf optimiert sei, angenehme Antworten zu geben. Dies könne dazu führen, dass Nutzer in ihren eigenen Ansichten bestärkt werden, anstatt neue Perspektiven zu gewinnen.
Zwei Monate KI-Begleitung: Isabells Weg
Rund zwei Monate lang sprach Isabell regelmäßig mit ChatGPT über die Probleme in ihrer Ehe. Neben einer Paartherapie mit ihrem Mann begann sie auch eine Einzeltherapie. Die KI konnte die echte Therapie letztlich nicht ersetzen, aber sie diente als ergänzende Unterstützung. Die Erfahrung zeigt: KI kann ein erster Schritt sein, um sich mit schwierigen Themen auseinanderzusetzen, ersetzt aber nicht die Tiefe und Verantwortung menschlicher Beziehungen.



