Der Blick auf Instagram verspricht grenzenlose Freiheit: Ein Bulli steht einsam an einem Fjord, die Sonne geht auf, ein junger Mensch nippt aus einem Emaille-Becher und schaut in die Ferne. Doch die Realität sieht oft anders aus, wie Redakteurin Katharina Regenthal während einer zweiwöchigen Reise durch Norwegen feststellte. Sie hatte mit einem klassischen Bulli das Land bereist – und machte dabei einige Fehler, die sie so schnell nicht wiederholen wird. Ihr Fazit: Selbst wenn Norwegen ein absoluter Traum war, hat sie sich selten so eingeschränkt gefühlt wie in diesem Urlaub.
Der Freiheits-Mythos: Wo soll man bloß stehen bleiben?
Der erste große Irrtum war laut Regenthal die Annahme, dass ein Camper automatisch maximale Freiheit bedeutet. Zwar sei es wunderbar, morgens auf über 1000 Metern Höhe oder direkt am glitzernden Fjord aufzuwachen und spontan dort zu bleiben, wo es einem gefällt. Doch diese Spontanität hat ihre Grenzen: Die schönen Plätze sind häufig schon mittags belegt. Die Redakteurin berichtet, dass sie einmal fünf Stellplätze nacheinander angefahren habe – alle waren bereits voller Wohnmobile. Wenn man nicht gerade an einer vielbefahrenen Straße auf einer Schotter-Einbuchtung übernachten möchte, wächst der Druck, bis zum Abend einen Schlafplatz zu finden.
Schlafen im Van: Die Rücken-Problematik
Auch das Schlafen im Bulli hatte wenig mit den romantischen Bildern aus den sozialen Medien zu tun. Die dünnen Matten seien unbequem, der Platz eng, und jeder Handgriff werde schnell zur kleinen Yoga-Übung, erklärt Regenthal. Nach zwei Wochen war sie ehrlich froh, wieder in einem richtigen Bett schlafen zu können. Mit Anfang 30 habe sich jeden Morgen zuverlässig der Rücken gemeldet – vielleicht sei ein Campervan eher ein Traum für Anfang 20, so die Redakteurin.
Ohne Toilette: Das große Klo-Problem
Ein weiterer Aspekt, der die Freiheit schnell relativiert: Ein klassischer Campervan hat weder Toilette noch Nasszelle. Geduscht wurde mit kaltem Wasser – gewöhnungsbedürftig, aber machbar. Das eigentliche Problem stellte die morgendliche Frage dar: „Wo kann ich jetzt aufs Klo?“ Regenthal nennt drei Optionen: ins Gebüsch gehen – sofern vorhanden und keine anderen Autos parken, den Eimer mit Brille benutzen – den sie nur im äußersten Notfall empfiehlt, oder alles zusammenpacken und zur nächsten öffentlichen Toilette fahren. Immerhin: Die öffentlichen Toiletten in Norwegen seien der absolute Wahnsinn, sauber und mit Toilettenpapier ausgestattet. Allerdings liege die Messlatte für öffentliche Toiletten in ihrer Heimatstadt Berlin besonders niedrig.
Städtetrip mit dem Bulli: Eine Parkplatz-Odyssee
Die gern zitierte Flexibilität von Camperfans habe ihre Grenzen, sobald man eine Stadt besuchen möchte. In Oslo und Bergen begann für Regenthal und ihren Begleiter eine regelrechte Parkplatz-Odyssee: Der Bulli war zu hoch fürs Parkhaus, zu groß für viele Stellplätze und zu wertvoll für dubiose Parkplätze, in deren Bewertungen immer wieder von Einbrüchen die Rede war. Ihrer Meinung nach macht der Mix aus Natur und Stadt den Urlaub erst perfekt – mit einem Bulli sei das jedoch nur bedingt zu empfehlen. Wer es dennoch versuchen will, sollte die großen Städte lieber meiden und die Natur genießen.
Mein Fazit: Freiheit sieht anders aus
Urlaub bedeutet für Regenthal, den Kopf auszuschalten und den Gedanken freien Lauf zu lassen. Bei der Bulli-Reise war das kaum möglich. Denn so frei man sich beim Blick in die Ferne fühlt, so sehr muss man dennoch einen Plan haben: Wohin soll es gehen? Wo übernachten? Und wann muss die Fähre erreicht werden, die für die Rückreise gebucht war? Die sozialen Medien zeigten nur die romantischen Seiten des Camperlebens, nicht die hässlichen Schotterplätze am Straßenrand oder die Eimer-Toilette, die keine ist.
Ihr größter Irrtum sei die Annahme gewesen, ein Camper bedeute automatisch mehr Freiheit. Stattdessen musste sie ständig überlegen, wo sie parkt, schläft, auf Toilette geht und wie sie den nächsten Tag plant. Norwegen würde sie jederzeit wieder bereisen, aber nicht mit einem Campervan. Stattdessen würde sie mit einem normalen Auto fahren und in den typischen roten Hütten übernachten – das erfordert zwar mehr Planung, kommt dem Urlaubsgefühl aber deutlich näher.
Diese Fehler sollten Sie unbedingt vermeiden
Auf Komfort hoffen
Man muss sich vor einer solchen Reise bewusst machen, dass es sich nicht um einen Wellnessurlaub handelt. Das gilt für die Aussichten, aber nicht für den Komfort – vor allem nicht in einem Van ohne richtiges Bett oder Nasszelle. Wer damit kein Problem hat, für den kann der Bulli-Trip dennoch der absolute Traum-Urlaub sein.
Distanzen unterschätzen
Norwegen besteht aus einspurigen Straßen und einem Tempolimit von 80 km/h außerorts. Eine Strecke zieht sich oft wie Kaugummi, und schnelles Vorankommen ist selten möglich. Wer plant, viele Ziele an einem Tag zu sehen, sollte großzügig Zeit einplanen.
Zu viel einpacken
Im Bulli-Urlaub ist bequeme Kleidung das Beste. Auf Schnickschnack fürs Abendessen kann man getrost verzichten. Dafür sollte man nie zu wenig Lebensmittel mitnehmen – vor allem in nordischen Ländern sind die Preise deutlich höher. Regenthal und ihr Begleiter hatten vorab Eintöpfe und Soßen eingekocht sowie Nudeln und Reis mitgenommen – das funktionierte wunderbar.
Absolute Einsamkeit erwarten
Norwegen ist dünn besiedelt, aber die schönsten Orte sind inzwischen Touristenmagneten. Auf manchen Strecken begegnet man nur Wohnwagen aus Deutschland, Frankreich oder Spanien. Beliebte Aussichtspunkte sind ohne frühes Erscheinen überfüllt. Und selbst auf den schönsten Stellplätzen lässt das Gefühl von Privatsphäre zu wünschen übrig, wenn sich andere Camper direkt neben einem platzieren. Wer flexibel bleiben will, muss auch mit weniger hübschen Plätzen Vorlieb nehmen – die sind dann wenigstens leer.



