Hartmut Borowski hatte sich auf sechs Wochen Urlaub mit seiner Frau und den beiden Enkelkindern gefreut – auf dem Stammcampingplatz am See von Lacanau in Westfrankreich. Doch schon kurz nach der Ankunft nahm das Idyll ein jähes Ende: Wegen verheerender Waldbrände, die nur wenige Kilometer entfernt wüteten, musste der 69-jährige Rentner aus Ratingen mit seiner Familie fluchtartig den Campingplatz räumen.
„Erstmal hieß es, alles ist sicher“, erinnert sich Borowski an die erste Urlaubsphase. „Und dann drehte der Wind, dann kam Rauch zu uns rüber, und dann wurden wir sicherheitshalber evakuiert.“ Wohnwagen und Campingausrüstung blieben am Lacanau-See zurück; mit einem voll bepackten Anhänger machte sich die Familie auf den Weg nach Norden – auf einen anderen Campingplatz in Hourtin.
4000 Urlauber evakuiert – die letzten von 220.000
Borowski ist einer von rund 4000 Urlaubern, die in dieser Woche den Campingplatz in Lacanau spontan verlassen mussten. Sie waren die letzten von mehr als 220.000 Menschen, die wegen der Waldbrände in der Nähe von Bordeaux ihre Bleibe geräumt haben. Mittlerweile durften Zehntausende wieder nach Hause oder an ihren Ferienort zurückkehren – auch Borowski hofft, schon bald an seinen gewohnten Urlaubsplatz zurückkehren zu können.
Auch der 53-jährige Patrick Behrens aus Lüdenscheid und sein zwölfjähriger Sohn Oskar verbrachten ihren Urlaub in Lacanau, als die Warnungen kamen. „Ich war eigentlich guter Dinge, weil es ja am Vortag geregnet hat und ich hatte es wirklich schon abgeschlossen, dass gar nichts passiert“, schildert Behrens. Doch dann piepten die Warn-Apps auf den Handys. „Das konnte ich nicht so ganz glauben, aber wenn man sich so umschaute auf dem Platz, packten wirklich alle, selbst die eisernen Niederländer, die ja wirklich zuletzt gehen.“
Zuflucht in Hourtin – ein Geistercampingplatz als Notquartier
Wie Borowski zog es auch Behrens und seinen Sohn nach Hourtin. Dort bot Behrens seinem Freund Borowski an, dessen Wohnmobil zu nutzen und selbst im Zelt zu schlafen. Eine dritte Familie komplettierte die improvisierte Urlaubsgemeinschaft. „Das war wirklich ganz schön, muss ich sagen. Ja, und jetzt ist auch gut, wenn wir wieder zurückkommen“, sagt Behrens rückblickend.
Besonders in Erinnerung blieb dem 53-Jährigen die plötzliche Leere auf dem Platz in Lacanau: „Wir waren wirklich ein bisschen erstaunt, dass wirklich jeder packte.“ Von den etwa 600 Plätzen seien nur noch 40 belegt gewesen. „Es war wirklich ein Geistercampingplatz, aber wir fühlten uns dadurch eigentlich ganz wohl und an die Nebensaison erinnert.“
Löschflugzeuge strahlten Sicherheit aus – der Ruß dann doch Unbehagen
Trotz der bedrohlichen Lage fühlte sich Behrens während der Zeit in Lacanau nie in unmittelbarer Gefahr. „Ich habe das gar nicht so wild empfunden, weil wenn man drei, vier Tage lang die Löschflugzeuge ständig über seinem Kopf fliegen sieht, dann strahlte das auch so ein bisschen Sicherheit aus.“
Die Realität holte ihn ein, als Ascheregen und Holzkohlestücke vom Himmel fielen. Nach der Rückkehr vom Strand fanden die beiden ihren Wohnwagen komplett mit einer Rußschicht überzogen. „Da wurde einem so ein bisschen mulmig“, gibt Behrens zu. Sein Sohn habe daraufhin entschieden, auf dem Platz zu bleiben, solange es geht.
„Wühlt einen trotzdem immer wieder auf“
Hartmut Borowski betont, er selbst habe keine Angst gehabt: „Weil ich wusste ja, dass das Feuer nicht bei uns ankommt.“ Doch mit den Enkelkindern habe er besondere Verantwortung gespürt; vor allem seine Frau habe die Evakuierung belastet. An seinem neuen Aufenthaltsort in Hourtin, zwischen Büschen und Campingstühlen, zeigt sich der 69-Jährige erleichtert: „Im Moment ist es gut, weil die Kinder entspannen können. Meine Frau ist auch wieder runtergekommen und ich auch an und für sich.“ Und doch lässt ihn das Erlebte nicht los: „Wühlt einen trotzdem immer wieder auf.“
Deutsche Urlauber reagieren unterschiedlich auf die Brandgefahr
Die Bilder der Flammen in der Nähe von Bordeaux haben auch andere deutsche Touristinnen und Touristen an der französischen Westküste erreicht. Einige von ihnen fanden die Entwicklung beängstigend, viele äußerten Mitgefühl mit den Betroffenen vor Ort. Wieder andere haben ihren Frankreichurlaub kurzerhand ganz storniert, wie eine Campingplatzbetreiberin bedauernd erzählt.
Rückkehr geplant – mit Zelt als Reserve
Borowski und Behrens verbringen seit 36 Jahren ihren Urlaub in Lacanau. Beide hoffen, dass sie bald zurückkehren können und ihr Campingmobil unbeschadet geblieben ist. Die Region wegen der Brände zu meiden, kommt für Behrens nicht infrage. „Das Einzige, was wir zukünftig machen, ist, dass wir noch ein Zelt im Wohnwagen haben“, kündigt er an – für den Fall, dass jemand ein Notlager braucht oder der Wohnwagen nicht wieder mitgenommen werden kann.
Ruiniert ist der Urlaub für den Lüdenscheider trotz der Feuer nicht: „Im Rückblick hat es sich zum Abenteuerurlaub entwickelt“, sagt er gelassen.



