Studie bestätigt: Europäer brachten Pocken nach Amerika
Europäer brachten Pocken nach Amerika

Ein internationales Forschungsteam hat den bislang eindeutigsten Beweis gefunden, dass die Pocken mit den europäischen Kolonialisten nach Amerika gelangten. Die Analyse von Erbgut aus zwei mumifizierten indigenen Personen in Chile zeigt, dass das Variola-Virus während der Kolonialzeit aus der Alten Welt eingeschleppt wurde. „Diese Entdeckung liefert den ersten molekularen Nachweis dafür, dass die Pocken während der Kolonialzeit eingeschleppt wurden“, erklärt Shigeki Nakagome vom Trinity College Dublin in einer Mitteilung der Universität.

Erster molekularer Beweis aus Chile

Das Forschungsteam aus Irland, Chile und Japan untersuchte zwei mumifizierte Leichen indigener Menschen, die zwischen dem späten 15. und frühen 17. Jahrhundert im Norden Chiles bestattet worden waren. Aus ihnen gewannen die Wissenschaftler die ersten Pockengenome aus der Kolonialzeit, die in Amerika gefunden wurden. Die Trockenheit der Region hat die Erbgut-Erhaltung in den Mumien begünstigt und damit die Analyse überhaupt ermöglicht.

Die Genome ordnen die Viren einer inzwischen ausgestorbenen Linie des Pockenvirus zu, die evolutionär zwischen mittelalterlichen europäischen Stämmen und den in späteren Jahrhunderten zirkulierenden Stämmen liegt. Damit wird erstmals eine direkte genetische Verbindung zwischen den amerikanischen Ausbrüchen der Kolonialzeit und den in der Alten Welt verbreiteten Erregern hergestellt. Bislang habe es dafür keine direkten genetischen Belege gegeben, betonen die Autoren der Studie, die in der Fachzeitschrift „Science“ veröffentlicht wurde.

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Millionen Tote in Wellen

Die Pocken, verursacht durch das Variola-Virus, spielten eine zentrale Rolle beim katastrophalen Bevölkerungsrückgang der indigenen Völker Nord-, Mittel- und Südamerikas nach der Ankunft der Europäer. Laut der Studie trat die Krankheit in mehreren Wellen auf und forderte in Amerika schätzungsweise drei bis vier Millionen Todesopfer. Die tatsächliche Zahl könnte jedoch weit höher liegen: Die Universität Dublin weist darauf hin, dass Pocken und andere eingeschleppte Krankheiten möglicherweise Hunderte Millionen Menschen das Leben kosteten und indigene Gesellschaften völlig umgestalteten. Besonders betroffen waren Bevölkerungsgruppen ohne vorherigen Kontakt zu den Viren, die keinerlei Immunität besaßen.

Historisch wird die Einschleppung der Pocken eng mit der Eroberung des Aztekenreichs und anderer indigener Hochkulturen verbunden. Seuchen wie diese schwächten die Reiche, bevor die europäischen Eroberer militärisch eingriffen. Die neuen Genom-Daten stützen diese Chronologie und bestätigen die Annahme, dass die Viren aus Europa stammten.

Evolution des Virus bis ins 16. Jahrhundert

Die Analyse liefert außerdem neue Einblicke in die Evolution des Variola-Virus. „Wir haben festgestellt, dass das Virus bis ins 16. Jahrhundert hinein eine lange Phase genetischer Veränderungen durchlief“, erklärt Dr. Lara Cassidy von der Fakultät für Genetik und Mikrobiologie am Trinity College Dublin. Auf dem Höhepunkt der kolonialen Expansion und der großen Pockenepidemien im 17. und 18. Jahrhundert habe sich die Evolution des Virus deutlich verlangsamt. „Dies deutet darauf hin, dass das Virus ein evolutionäres Optimum erreicht hatte: Es konnte sich ohne weitere Anpassungen erfolgreich ausbreiten – möglicherweise wegen der fehlenden Immunität der neu exponierten Bevölkerungsgruppen.“

Diese Phase evolutionärer Stabilität endete im 19. Jahrhundert. Immer mehr Menschen wurden gegen das Pockenvirus geimpft, wodurch der Erreger einem neuen Selektionsdruck ausgesetzt war. In der Folge beschleunigte sich die Evolution des Variola-Virus wieder. Diese Beobachtung verdeutlicht, wie eng die Ausbreitung und Anpassung von Krankheitserregern mit menschlichem Verhalten und medizinischen Maßnahmen verknüpft ist.

Bedeutung für die Paläogenetik und Seuchenforschung

Die Studie ist nicht nur historisch aufschlussreich, sondern auch methodisch für die Virusforschung wertvoll. Dass es gelungen ist, vollständige Pockengenome aus Jahrhunderte alten Mumien zu gewinnen, eröffnet neue Möglichkeiten in der Paläogenetik. „Die ersten Pockengenome aus der Kolonialzeit in Amerika erlauben es uns, die Ausbreitungswege und Anpassungsprozesse des Virus präziser nachzuvollziehen“, betonen die Forschenden.

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Angesichts der vollständigen Ausrottung der Pocken im Jahr 1980 durch die Impfung sind solche historischen Untersuchungen ein wichtiger Hinweis darauf, wie Seuchen entstehen, sich ausbreiten und letztlich besiegt werden können. Die neuen Erkenntnisse machen zudem die langfristigen Folgen des Kolonialismus deutlich, dessen demografischer Zusammenbruch indigener Völker bis heute nachwirkt. Die Studie bestätigt, dass die komplexe Geschichte der Infektionskrankheiten eng mit globalen Wanderungsbewegungen verwoben ist.