CSD in Merseburg: Queere Community fürchtet um Förderung bei AfD-Sieg
CSD Merseburg: Queere Community fürchtet um Förderung

Beim Christopher Street Day (CSD) in Merseburg feiert die queere Community unter Polizeischutz, doch die Stimmung ist angespannt. Viele Teilnehmende fürchten um ihre Sicherheit und die Zukunft der Förderung für queere Projekte. Sollte die AfD bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt im September 2026 siegen, droht ein Ende der staatlichen Unterstützung für Regenbogen-Organisationen.

Zunehmende Anfeindungen auf der Straße

Die Atmosphäre für queere Menschen in Sachsen-Anhalt hat sich laut Berichten von Betroffenen und Beratungsstellen verschlechtert. „Wir sehen überall Hakenkreuze, Graffitis. Wir sehen die Blicke, die auf uns kommen, wenn wir irgendwas tragen, was nicht einfach nur Hose und T-Shirt ist. Wir hören Rufe hinter uns, Pfiffe“, schildert eine Teilnehmerin des CSD in Merseburg. Ein anderer berichtet: „Es wird immer brauner, es wird immer rechter. 14-jährige Kinder greifen einen an.“

Tony, ein 21-jähriger non-binärer Student, identifiziert sich als non-binär und verwendet die Pronomen dey/deren. In Merseburg stößt das überwiegend auf Unverständnis. „Ich als queere Person fühle mich jetzt nicht so sehr aufgenommen, eher gesagt“, sagt Tony. „Es war eher ernüchternd hier zu wohnen.“ Tony plant, mit der Freundin nach Halle zu ziehen, wo die Anonymität größer ist und die Anfeindungen geringer ausfallen. „Ich fühl‘ mich da einfach wohler und werde wahrscheinlich auch weniger angepöbelt und komisch angeschaut, weil ich in der Menge vielleicht eher untergehe, als hier, wo ich wie ein Kanarienvogel raussteche.“

Breites Pickt-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App für Telegram

Wenige Angebote auf dem Land

Ole Wittkamp, Mitarbeiter des BBZ lebensart e.V., betreut die Koordinierungsstelle für LSBTI-Angebote im ländlichen Raum. „Sachsen-Anhalt ist einfach ein Flächenland. Die meisten Menschen wohnen nicht in den großen Städten, sprich Magdeburg, Halle und Dessau, sondern im ländlichen Raum. Dort gibt es wenig Infrastruktur, wenig Angebote, und das macht es natürlich für die Leute auch gefährlicher, sich sichtbar zu zeigen auf der Straße“, erklärt Wittkamp. Queeres Leben gebe es überall, aber die Angebote seien dünn gesät. Die CSDs im ländlichen Raum seien daher umso wichtiger.

In den vergangenen Monaten sei die Nachfrage nach Beratung gestiegen, insbesondere aufgrund der bevorstehenden Landtagswahl. „Wir merken gerade in der Beratung auf jeden Fall auch eine steigende Unsicherheit aufgrund der anstehenden Landtagswahlen. Das Klima verschärft sich auch spürbar auf der Straße für queere Personen“, sagt Wittkamp. „Queere Personen suchen aber auch einfach Antworten. Hey, betrifft jetzt die politische Lage und vielleicht eine andere Landesregierung auch meine medizinische Versorgung? Was kann eigentlich eine Landesregierung jetzt auch anrichten in meiner Gesundheitsversorgung? Das sind Sorgen, mit denen Personen zu uns kommen, die wir natürlich auch nicht in Gänze nehmen können.“

AfD-Wahlkampf gegen die „Regenbogenideologie“

Die AfD macht im Wahlkampf Stimmung gegen die queere Community. Ihr Spitzenkandidat Ulrich Siegmund kündigte an: „Und deswegen werden wir ab September für jede Regenbogenfahne, die diese Landesregierung hisst, mindestens zehn Deutschlandflaggen hissen. Das ist der richtige Weg, gerade im Stolzmonat. Wir haben andere Probleme in diesem Land als die Förderung der queeren Community.“ Im AfD-Wahlprogramm für Sachsen-Anhalt heißt es: „Dieser pervers-linke, radikal feministische und individualistische Ungeist zersetzt dabei nicht nur traditionelle Familien- und Rollenbilder, er leugnet und kriminalisiert selbst biologische Tatsachen. (…) Um dem entgegenzusteuern, werden wir Vereinen und Organisationen, die sich an solcher Agitation beteiligen, jede Form öffentlicher Förderung und steuerlicher Vergünstigung entziehen.“

Pickt After-Article-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App mit Familien-Illustration

Wittkamp kritisiert die AfD scharf: „Das, was die AfD dort in ihrem Wahlprogramm über unsere Community schreibt, ist in meinen Augen menschenverachtend. Ich kann nicht nachvollziehen, wie eine Partei, die ja tatsächlich in Teilen auch noch bemüht ist, einen bürgerlichen Anschein zu haben, so was formulieren kann. Einerseits sagt die AfD, wir stehen für Freiheit und wir werden auch dafür sorgen, dass Homosexuelle in Freiheit leben können, sich brüsten mit ihrer lesbischen Parteivorsitzenden. Dann hat es aber keinen Tag gedauert, bis Ulrich Siegmund sich über das neue Aktionsprogramm Queer lustig gemacht hat.“

Zukunft der Förderung ungewiss

Das neu entwickelte „Landesprogramm Queer“, an dem Wittkamp über Jahre mitgearbeitet hat, soll die Unterstützungs- und Beratungsangebote auch in ländlichen Regionen sichern. Doch bei einem AfD-Sieg könnte das Programm gestrichen werden. „Würden wir tatsächlich eine AfD-Alleinregierung bekommen, können wir uns recht sicher sein, dass wir unsere Förderung verlieren“, befürchtet Wittkamp. „Wir schauen, wie können wir zumindest den Grundstock unserer Arbeit, das ist vor allem alles, was im Ehrenamt läuft, bei uns im Verein, die ehrenamtlichen Gruppen, die sich bei uns treffen, wie wir die sichern, wie können wir unsere Miete sichern, wie können wir aber vielleicht auch noch ein bisschen Beratung anbieten über einen anderen Fördertopf. Das sind natürlich Sachen, die uns umtreiben, wo wir jetzt auch noch nicht wissen, was wird es dann konkret bedeuten.“

Auch die Erreichbarkeit der Zielgruppe ist ein Problem. Ein Siebdruck-Workshop der Hochschule Merseburg mit CSD-Bezug fand kaum Teilnehmende. Rosa von der queeren Hochschulgruppe erklärt: „Wir haben auf jeden Fall Werbung gemacht, Flyer verteilt, über Social Media geteilt oder auch andere schon bestehende queere Gruppen angefragt. Aber es ist halt manchmal schwierig, dann diese Leute überhaupt zu erreichen, auch zu sagen: Okay, habt ihr Bock, kommt ihr rum, dann irgendwie die Zusage zu bekommen. Aber das hat sich dann auch im Sand verlaufen.“

Kämpferischer Geist trotz widriger Umstände

Trotz aller Sorgen endete der zweite CSD in Merseburg mit einer kämpferischen Note. Mika, ein 25-jähriger Student aus Halle, ruft auf: „Es geht darum, dass wir füreinander da sind. Wenn dieser Staat, wenn dieses Land, wenn diese Regierung in dieser Aufgabe versagt, wie es schon zu lang der Fall ist. Kämpft nicht nur bis zur Landtagswahl, sondern auch darüber hinaus.“ Mika selbst hat schon übers Wegziehen nachgedacht, aber sein „radikaler Optimismus“ habe bisher die Oberhand behalten. „Ich weiß einfach, dass ich in diesem Kampf hier niemals allein sein werde. Und dass ich auch dieses Leben hier in Merseburg habe, in Halle habe, in der Umgebung habe, ich weiß, dass es Leute gibt, die auch leiden und es Leute geben, die es auch dagegen ankämpfen wollen. Und ich glaube einfach, dass wenn es hart auf hart kommt, oder wenn es immer härter wird, wie es ja jetzt der Fall ist, dann rücken wir näher zusammen und wir bleiben zusammen und wir kämpfen zusammen.“

Der CSD endete mit einer Anzeige wegen Beleidigung, aber ohne größere Zwischenfälle. Dennoch bleibt die Verunsicherung in der queeren Community drei Monate vor der Landtagswahl groß.