Zehn Jahre Brexit-Votum: Britischer Irrweg als Warnung für Europa
Brexit-Jubiläum: Britischer Irrweg mahnt Europa

Großbritannien steht kurz vor dem siebten Premierminister in zehn Jahren. Der angekündigte Rücktritt von Keir Starmer, just vor dem zehnten Jahrestag des Brexit-Referendums, ist das jüngste Symptom einer anhaltenden Dauerkrise. Das Land ist tief gespalten, politisch instabil und sucht noch immer nach einer neuen Identität. Ein Kommentar von Anja Wehler-Schöck.

Starmers Rücktritt: Mehr als eine Personalie

Keir Starmer wollte im Chaos aufräumen, das der Brexit angerichtet hat. Zweifellos hat auch er Fehler begangen, die ihm persönlich anzulasten sind. Doch sein Rückzug ist mehr als eine politische Personalie – er ist das jüngste Symptom einer Krise, die das Land nicht mehr loslässt. Starmers Nachfolger wird der siebte Premierminister seit dem Referendum von 2016 sein. Auf die Frage, wofür Großbritannien heute steht, blieben sie alle die Antwort schuldig.

Bittere Bilanz nach zehn Jahren

Die Brexit-Kampagne hat das Land tief gespalten. Keine Seite behielt hundertprozentig recht: Die „Remain“-Fraktion prophezeite den sofortigen Untergang, die „Brexiteers“ versprachen ein „globales Britannien“ mit eigenen Deals, sinkenden Migrantenzahlen und Geld für den National Health Service. Nichts davon ist eingetreten. Die Bilanz fällt bitter aus: Der Handel mit der EU und die Investitionen sind deutlich gesunken. Das Office for Budget Responsibility prognostiziert einen langfristigen Produktivitätsverlust von vier Prozent im Vergleich zu einem Verbleib in der EU. Kein sofortiger Untergang, sondern ein Abstieg auf Raten.

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Mehrheit der Briten für EU-Wiedereintritt

Den meisten Briten ist das inzwischen bewusst. Laut Umfragen würden 56 Prozent heute für einen Wiedereintritt in die EU stimmen, nur noch 32 Prozent halten den Brexit für richtig. Lediglich 18 Prozent sehen die USA als verlässlichen Verbündeten, während drei Viertel engere Beziehungen zur EU wünschen. Starmers Verdienst ist es, Großbritannien auf den Weg einer Annäherung gebracht zu haben. Im Mai 2025 fand der erste offizielle EU-UK-Gipfel nach dem Brexit statt, am 22. Juli soll der zweite in Brüssel folgen. Ab 2027 nimmt Großbritannien wieder am Erasmus-Programm teil.

Burnhams Kurs: Pragmatische Annäherung ohne Rejoin

Der voraussichtliche Nachfolger Andy Burnham, ehemaliger Bürgermeister von Manchester und frischgewählter Labour-Abgeordneter, hat einen Wiedereintritt in die EU auf absehbare Zeit ausgeschlossen. Ein kluger Schachzug, denn Nigel Farage, Architekt des Brexit und Vorsitzender der rechtspopulistischen „Reform UK“, ist durch die Folgen des Brexit keineswegs geschwächt – bei den Kommunalwahlen im Mai holte seine Partei das stärkste Ergebnis. Pragmatisch die Beziehungen zu vertiefen, ohne mit „Rejoin“ zu polarisieren, ist der erfolgversprechendere Ansatz.

Brexit als Lehrstück für Europa

Der Brexit ist ein Lehrstück für Europa. Die Briten haben einen hohen Preis bezahlt. Es ist kein Zufall, dass die Mehrheit der rechtspopulistischen Parteien in Europa keinen EU-Austritt mehr fordert – nicht aus Liebe zur EU, sondern weil der Brexit den Preis vor Augen geführt hat. Europa sollte die britische Erfahrung nicht als Bestätigung seiner selbst lesen, sondern als Mahnung: Wenn Menschen gegen ihre eigenen Interessen wählen, hat die Politik versagt. Sie hat versäumt zu erklären, was die EU leistet, Desinformation nicht effektiv bekämpft und nicht offen benannt, dass Gemeinschaft Kompromisse verlangt – und warum das kein Makel, sondern der Kern des Projekts ist.

Europa braucht Großbritannien

Europa sollte die Tür für Großbritannien offenhalten, sogar weit öffnen – nicht aus Großzügigkeit, sondern aus Eigeninteresse. Auch Europa braucht Großbritannien: als Militärmacht mit eigenem Nukleararsenal, als eine der größten Volkswirtschaften und als Geheimdienstpartner von globaler Reichweite. Großbritannien zu ermöglichen, sich schrittweise wieder zu integrieren, ist kein Almosen, sondern ein strategischer Gewinn für den Kontinent.

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