Bundeswehr-Weltraumkommandeur: „Ich schlafe schlecht, wenn ich an die Gefahren aus dem All denke“
Bundeswehr-General: Gefahren aus dem All bereiten mir schlaflose Nächte

Der Kommandeur des Weltraumkommandos der Bundeswehr, Generalmajor Michael Traut, spricht im Interview über die zunehmenden Gefahren im All. Seit fünf Jahren leitet er die Einheit und muss sich regelmäßig mit Vergleichen zu „Star Wars“ auseinandersetzen. Das störe ihn jedoch nicht, da solche Erzählungen den menschlichen Entdeckergeist widerspiegelten.

Größte Gefahren sind menschengemacht

Die größten Bedrohungen im Weltraum seien laut Traut nicht außerirdische Lebensformen, sondern menschengemachte Gefahren. Dazu zähle vor allem der Weltraumschrott, der sich seit den 1950er-Jahren angesammelt habe und mit aktiven Satelliten kollidieren könne. Rund 40.000 größere und bis zu eine Million kleinere Trümmerteile umkreisten die Erde. Die Bundeswehr überwache die größeren Teile im Weltraumlagezentrum in Uedem.

Angriffe auf weltraumgestützte Dienste

Traut betont, dass täglich Attacken auf weltraumgestützte Dienste stattfänden. Ein bekanntes Beispiel sei der russische Angriff auf die Ukraine im Februar 2022, der mit dem Versuch begann, die Kommunikationsinfrastruktur des Landes auszuschalten. Auch das permanente Stören satellitengestützter Navigationssysteme in Osteuropa beeinträchtige bis heute den Flug- und Schiffsverkehr. Hinter solchen Aktionen stecke meist Moskau.

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Russland und China als Akteure

China führe komplexe Andock- und Abschleppmanöver mit eigenen Satelliten durch, die sich auch gegen Systeme anderer Staaten richten könnten. Russland wiederum parke seit Jahren Aufklärungssatelliten vom Typ „Luch Olymp“ neben anderen Satelliten im geostationären Orbit und höre deren Kommunikation ab. 2021 habe der Kreml demonstriert, dass man Satelliten vom Boden aus mit einer Rakete zerstören könne. Mehrere Dienste verdächtigten Russland zudem, einen nuklearen Sprengkopf in den Orbit bringen zu wollen – die maximale Eskalation.

Folgen einer nuklearen Detonation im All

Sollte sich der Verdacht bestätigen, dass Russland eine Atomwaffe im All stationieren wolle, wäre das ein eklatanter Verstoß gegen den Weltraumvertrag von 1967. Die Folgen einer nuklearen Detonation im Weltall wären verheerend. Bereits 1962 führten die USA den Test „Starfish Prime“ in 400 Kilometern Höhe durch, wodurch 30 Prozent aller Satelliten im niedrigen Erdorbit dysfunktional wurden. Heute würden wahrscheinlich fast alle elektronischen Netze auf der Welt stillstehen.

Deutschlands erste Weltraumstrategie

Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) hat im Herbst Deutschlands erste Weltraumstrategie vorgestellt. Das 2021 gegründete Weltraumkommando soll darin vor allem den Schutz kritischer Infrastruktur im All übernehmen. Traut erklärt, dass man sich bereits in einer niederschwelligen Auseinandersetzung mit absichtlich herbeigeführten Bedrohungen befinde. Deutschland stationiere gerade eine Panzerbrigade in Litauen, die auf weltraumgestützte Dienste angewiesen sei – und diese würden attackiert.

Verteidigungsmöglichkeiten der Bundeswehr

Die Bundeswehr könne ihre Truppe darüber informieren, wann sie von welchem Satelliten überflogen werde. Die Soldaten könnten dann entweder unter einer Wolkendecke arbeiten oder dafür sorgen, dass auf den Aufklärungsgeräten des Gegners gewünschte Bilder entstünden. Notfalls könne man mit einem Laser in die Kamera des Satelliten leuchten. Die Strategie sehe vor, bis 2030 für 35 Milliarden Euro die „Befähigung zu militärischen Weltraumoperationen“ zu erhalten.

Militärische Weltraumoperationen

Traut erläutert, dass Abschreckung im Vordergrund stehe. Die Bundeswehr werde ein Netzwerk von mindestens 200 kleineren Satelliten für sichere staatliche Kommunikation aufbauen. Man könne russische Aufklärungssatelliten daran hindern, Bilder von Bodentruppen oder Infrastruktur zu machen. Dafür müsse man den Satelliten nicht unbedingt zerstören, sondern könne auch seine Bodenstation lahmlegen.

Schachfiguren im All

Im Frühjahr hätten sich fünf russische Kosmos-Satelliten hinter einem finnischen Iceye-Mikrosatelliten aufgereiht, der hochauflösende Radarbilder machen kann. Traut sieht darin eine direkte physische Bedrohung. Russland habe seine Schachfiguren in Position gebracht und warte auf den nächsten Zug der Nato. Die Bundeswehr habe mehrere Möglichkeiten, über die er jedoch nicht öffentlich spekulieren wolle.

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Der Weltraum als neuer Wilder Westen

Trotz des Weltraumvertrags von 1967 sei der Weltraum ein wenig wie der Wilde Westen, inklusive Goldgräberstimmung. Der globale Jahresumsatz im Weltraum betrage knapp 600 Milliarden US-Dollar und könnte sich in den nächsten Jahren verdreifachen. Unternehmen arbeiten an kommerziellen Raumstationen, und auf dem Mond bahne sich ein Rennen zwischen den USA und China an. Die USA denken über ein Atomkraftwerk auf dem Mond nach.

Rechtliche Grauzonen

Der Weltraumvertrag verbiete Massenvernichtungswaffen, aber die Auslegung, was eine Waffe sei, sei entscheidend. Traut weist auf die Macht von Privatpersonen wie Elon Musk hin, der im Ukraine-Krieg entscheide, für wen Starlink funktioniere. Er ist der Meinung, dass souveräne staatliche Entscheidungen Vorrang haben müssten, und warnt vor Abhängigkeiten von unzuverlässigen Partnern.

Abhängigkeit von SpaceX

Die Bundeswehr sei weiterhin auf SpaceX angewiesen, um Satelliten ins All zu schießen, da die Kapazitäten europäischer Ariane-Raketen nicht ausreichen. Traut berichtet, dass man bereits 2009 Satelliten mit einer russischen Rakete gestartet habe – damals eine rein marktbezogene Entscheidung. Um unabhängiger zu werden, brauche man kleine Weltraumbahnhöfe, sogenannte Microlauncher.

Herausforderungen bei der Umsetzung

Traut kritisiert, dass man in Deutschland in einer Kultur der absoluten Risikovermeidung erzogen worden sei. Unternehmen und Behörden müssten sich trauen, einfach mal etwas zu entwickeln und Fehler zu machen. Der Rückstand sei aufzuholen, auch wenn von den etwa 14.000 aktiven Satelliten im All rund 12.000 aus den USA stammen, davon 10.000 von Elon Musk.

Kriegstüchtigkeit ohne Weltraum nicht denkbar

Eine möglichst ungehinderte Nutzung des Weltraums und die Fähigkeit, einem Gegner die Nutzung zu verwehren, seien unabdingbar für die Kriegstüchtigkeit der Bundeswehr. Traut betont: „Wenn wir das nicht machen, verlieren wir, und zwar sehr schnell.“ Auf die Frage, wie gut Deutschland im Falle eines Krieges aufgestellt wäre, antwortet er: „Wir wissen, was wir tun würden, wenn es heute losginge.“

Schlaflose Nächte

Traut gibt zu, dass er im Urlaub nicht entspannt in den Sternenhimmel schauen könne. „Ich habe auch mal gesagt, ich schlafe schlecht, wenn ich an die Gefahren aus dem All denke. Das wird wahrscheinlich auch nicht mehr anders bis zu meinem Ruhestand.“