Drohnenangriffe auf Moskau: Angst und Verunsicherung in der Bevölkerung
Drohnenangriffe auf Moskau: Angst und Verunsicherung

Nach heftigen Drohnenangriffen auf die russische Hauptstadt Moskau sind viele Menschen verunsichert. Die Deutsche Botschaft hat eine Warnung ausgesprochen. Von Jo Angerer, Freier Korrespondent

Angriffe auf Moskau: „Ich mache mir große Sorgen um meine Familie“

Russlands Präsident Wladimir Putin ließ sich in Kasan an der Wolga beim ASEAN-Gipfel mit den südostasiatischen Staaten feiern – unterdessen hat der Krieg endgültig Moskau erreicht: Dunkle Rauchwolken standen am Donnerstag über dem südöstlichen Bezirk Kapotnja, ein schmieriger Ölfilm legte sich auf die Fensterbretter der Wohnhäuser. Getroffen wurden eine Ölraffinerie, die für die Versorgung der Moskauer mit Benzin wichtig ist, sowie zwei Einkaufszentren.

Über Moskau habe die Flugabwehr rund 180 Drohnen abgefangen, teilte Bürgermeister Sergej Sobjanin mit. In der Stadt Schukowski, die zum Moskauer Umland gehört, starb ein achtjähriges Mädchen. Insgesamt seien 16 Menschen verletzt worden, 18 Wohnblöcke wurden beschädigt, so der Gouverneur der Region.

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Stimmen aus der Bevölkerung: Todesangst und Wut

„Heute Morgen bin ich gegen fünf Uhr aufgewacht, entweder durch eine Explosion oder durch das Raketenabwehrsystem. Ich wurde förmlich aus dem Bett geschleudert – so heftig war der Knall“, sagt Arina, eine Anwohnerin, dem Onlineportal ‚Meduza‘. „Ich saß eine Weile im Badezimmer und hatte Todesangst.“ Und Natalia, eine Nachbarin, ergänzt: „Ich habe gesehen, wie das Haus meines Freundes getroffen wurde. Ich habe eine Drohne über meinem Haus kreisen sehen, ich habe eine Flugabwehrrakete fliegen sehen.“ Sie selbst hege keinen Hass auf die Ukrainer. „Aber wissen Sie was? Wenn ich mit meinen Nachbarn spreche, lautet die Antwort in zwei von zehn Fällen: ‚Bombardiert sie doch einfach alle in Kiew und dann ist die Sache erledigt!‘“

Artem sagt: „Am meisten schockierte mich an diesem Angriff, dass es keinerlei Alarm oder Benachrichtigung gab. Ich mache mir große Sorgen um meine Familie; sollten solche Angriffe weitergehen, sehe ich mich möglicherweise gezwungen, mit meiner Familie Russland zu verlassen.“

Panik bleibt aus, aber Verunsicherung wächst

Panik ist in der Hauptstadt keine zu spüren, Verunsicherung aber schon. Der Verkehr auf dem Moskauer Autobahnring nahe der Raffinerie wurde nach dem Angriff gestoppt. Die Moskauer Flughäfen stellten zeitweise den Betrieb ein. Am Flughafen Scheremetjewo im Nordwesten suchten Menschen in Parkhäusern Schutz, so die Flughafenverwaltung. In sozialen Medien kursierten zahlreiche Videos von Augenzeugen der Angriffe, obwohl derartige Posts inzwischen verboten sind. Harte Strafen forderten russische Militärblogger.

Putin schweigt, Medwedew droht

Und Putin? Bislang schweigt er zu den Angriffen auf Moskau. Scharfe Töne dagegen von Dmitri Medwedew, dem stellvertretenden Vorsitzenden des russischen Sicherheitsrates. Im Krieg gegen die Ukraine gebe es „kein Regeln“ mehr. „Eines sollte für uns absolut inakzeptabel bleiben: die vorsätzliche Tötung von Zivilisten. Ich betone: vorsätzlich, im Sinne von eindeutig absichtlich. Alles andere ist vollkommen akzeptabel.“

Deutsche Botschaft warnt und gibt Ratschläge

Wie schon beim Drohneneinschlag in einem Wohnhaus in der Innenstadt vor ein paar Wochen warnte auch diesmal die Deutsche Botschaft: „In der Regel gibt es keine Vorwarnzeiten bei Drohnenangriffen. Nehmen Sie propellerartige Fluggeräusche wahr, gilt es, unverzüglich Schutz zu suchen. Hierzu eignen sich insbesondere fensterlose Innenräume, Metrostationen und Tiefgaragen. Entfernen Sie sich umgehend von Glasfassaden.“ Die Sicherheitslage in Moskau habe sich zwar nicht verändert, aber trotzdem: „Das Streufeld von Trümmerteilen, die teilweise noch explodieren können, kann sehr großflächig sein.“

Und noch einen weiteren Ratschlag gibt die Botschaft den Deutschen, die noch in Moskau leben: „Eine maßvolle Treibstoffbevorratung (Tank immer halb gefüllt) erscheint angesichts der aktuellen Lage ratsam.“ Denn in Russland werden langsam Benzin und Diesel knapp. Noch sieht man keine langen Schlangen an den Tankstellen der Hauptstadt. Viele Autofahrer aber sind frustriert. Schon vor dem jüngsten Drohnenangriff seien die Benzinpreise in Moskau an manchen unabhängigen Tankstellen um das Drei- bis Vierfache gestiegen, berichtet die Zeitung Kommersant.

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Benzin wird zum Luxusgut

Kein Benzinmangel in Moskau, anderswo ist dieser bereits Alltag. Gravierend sei die Lage auf der Halbinsel Krim, und in den besetzten Gebieten Donezk, Luhansk, Saporischschja und Cherson, so eine unabhängige Rechercheplattform. In Donezk werde Kraftstoff teils nur wenige Stunden am Tag verkauft. In Luhansk und Saporischschja seien behördliche Limits von höchstens 20 Litern bekannt geworden, zudem sei dort der Verkauf in Kanistern verboten. Einige Tankstellennetze haben Beschränkungen eingeführt. Beispiel: ‚Tatneft‘. Die Kette betreibt nach eigenen Angaben mehr als 850 Tankstellen in Russland. Kunden dürfen dort nur maximal 30 Liter Benzin und 60 Liter Diesel kaufen.

Immer mehr ukrainische Drohnenangriffe auf die russische Ölindustrie führen zu Ausfällen in der Raffinerieproduktion. Nicht nur Autofahrer in Russland sind von der Benzinkrise betroffen. Viel Treibstoff braucht auch die Landwirtschaft, vor allem zur Erntezeit. Zuletzt hatte die russische Regierung den Export von Flugtreibstoff bis zum 30. November verboten und die Ausfuhr von Benzin eingeschränkt. Die Kraftstoffversorgung des Inlandsmarktes sicherzustellen sei oberste Priorität, erklärte Alexander Nowak, stellvertretender russischer Ministerpräsident. Rohöl wird dagegen auch weiterhin exportiert. Der Export sei sogar gestiegen, so die Internationale Energieagentur (IEA). Das bringt Geld in die Staatskasse.