Der Schachweltverband Fide hat den früheren Weltmeister Wladimir Kramnik wegen Vorwürfen des Cybermobbings, psychischer Gewalt sowie weiterer Verstöße gegen den Ethikkodex des Verbands für zwei Jahre gesperrt, ein Jahr davon auf Bewährung. Dies teilte die Fide unter Berufung auf die Entscheidung ihrer Ethik- und Disziplinarkommission mit. Kramnik, einst einer der angesehensten Meister der Welt, hatte in den vergangenen Jahren zahlreiche Spieler mit Betrugsverdächtigungen überzogen – ohne handfeste Beweise vorzulegen.
Hintergrund der Sperre: Kramniks Betrugsvorwürfe
Die Verdächtigungen hatten schwerwiegende Folgen. Der tschechische Großmeister David Navara etwa sagte, er habe wegen Kramniks Anschuldigungen an Suizid gedacht. Kramnik hatte ihn in einer Statistik aufgeführt, die ungewöhnliche Leistungen dokumentieren sollte. Navara schrieb, Kramnik habe ihm persönlich nicht direkt Betrug vorgeworfen, aber viele Menschen hätten den Post gesehen und könnten zu dem Schluss kommen, dass Navara womöglich betrogen haben könnte. Die Fide hatte daraufhin erklärt, Kramnik füge der Schachwelt Schaden zu. Kramnik verklagte Navara wegen Rufschädigung und erklärte, der Tscheche sage nicht die Wahrheit.
Im Fall von Daniel Naroditsky eskalierte die Situation weiter. Kramnik postete immer wieder Zahlen, die zeigen sollten, dass es bei den Leistungen des US-Großmeisters nicht mit rechten Dingen zuging. Er postete etwa Screenshots einer Siegesserie von Naroditsky. Dazu schrieb er: „Ich verstehe, dass Sie wissen, @gmNaroditsky, dass @chesscom nichts unternehmen wird, aber selbst die Hardcore-Fans, die einer Gehirnwäsche unterzogen wurden, könnten anfangen, sich Fragen zu stellen.“ Naroditsky belasteten die Vorwürfe sehr. Kramniks Ausfälle seien ein „dunkles Kapitel“ im Schach, sagte Naroditsky am Rande der Blitz-WM 2024. „Ich bitte nicht um Mitleid, aber die Tatsache, dass dies schon so lange andauert, ist ehrlich gesagt erbärmlich und traurig. Es trifft mich, aber ich versuche, das wegzuschieben.“
Tod von Daniel Naroditsky und Folgen
Naroditsky starb im vergangenen Oktober im Alter von 29 Jahren an Herzrhythmusstörungen. Daraufhin kritisierten zahlreiche Schachspielerinnen und -spieler Kramnik für seine öffentlichen Betrugsvorwürfe, die Naroditsky in seinem letzten Lebensjahr sehr belastet hatten. Die Fide hatte daraufhin mitgeteilt, dass sich die Ethikkommission mit dem Fall befassen werde.
Entscheidung der Ethikkommission
Nun ist die Entscheidung da. Nach einer umfassenden Prüfung der Beweismittel und der Stellungnahmen aller Parteien erkenne die Ethikkommission mehrere Verstöße Kramniks gegen Ethikkodex und Disziplinarordnung der Fide, heißt es: „Die Kammer stellte fest, dass sein Verhalten gegen Bestimmungen in Bezug auf das Recht auf Würde und respektvolle Behandlung, den Schutz der Würde des Einzelnen, Mobbing und Cybermobbing, psychische Gewalt, die Verantwortung als Vorbild, die mangelnde Zusammenarbeit bei den Ermittlungen der Fair-Play-Kommission sowie falsche oder ungerechtfertigte öffentliche Anschuldigungen verstieß.“ Die Ethikkommission weist demnach andere Vorwürfe zurück, etwa, dass Kramnik Rechenschaftspflichten missachtet oder dem Ansehen der Fide geschadet habe. Das Verfahren habe außerdem nicht darauf abgezielt, Kramniks Anti-Betrugs-Methodik wissenschaftlich zu beurteilen. Der Ex-Weltmeister habe die Methodik nicht vollständig offengelegt, daher habe die Untersuchung nur auf unvollständigen Informationen beruht.
Auswirkungen der Sperre auf Kramnik
Die Ethikkommission verhängt gegen Kramnik nun eine zweijährige weltweite Sperre für die Teilnahme an offiziell von der Fide anerkannten Turnieren, außerdem darf Kramnik keine offiziellen Ämter im Schach übernehmen. Das zweite Jahr der Sperre gilt auf Bewährung. „Darüber hinaus verhängte die Kammer als ergänzende Sanktion zwölf Monate unbezahlten Dienst zum Wohle der Schachgemeinschaft.“ Wie genau dieser Dienst aussehen soll, führt die Fide nicht aus. Wie hart Kramnik die Entscheidung trifft, ist fraglich. Von 2000 bis 2007 war er Weltmeister, 2019 beendete er jedoch seine Karriere. Seitdem spielt er nur noch selten Schachturniere.
Kramnik kündigt Berufung an
Nichtsdestotrotz kündigte Kramnik auf X an, sich gegen die Sperre zu wehren. Er hat drei Wochen Zeit, Berufung einzulegen. „Den Wortlaut meiner Berufung, die ich in den kommenden Tagen einlegen werde, hatte ich bereits im Vorfeld vorbereitet“, schreibt er: „Ich werde ihn um neue Punkte ergänzen, die sich auf zahlreiche Verfahrens- und sonstige Verstöße beziehen, von denen ich aus dem heutigen Dokument Kenntnis erlangt habe.“ Kramnik schreibt, er sei zuversichtlich, dass die Entscheidung der Ethikkommission aufgehoben werde. Er beabsichtige, alle notwendigen Instanzen bis zum bitteren Ende auszuschöpfen, um Gerechtigkeit und seinen Ruf wiederherzustellen.



