Es ist eine der großen Erzählungen der Antike: Im Herbst 218 vor Christus überschritt der karthagische Feldherr Hannibal zu Beginn des Zweiten Punischen Kriegs die Alpen – mit 46.000 Soldaten, rund 8000 Pferden und 37 Kriegselefanten. Seit Jahrhunderten rätseln Historiker, auf welcher Route er von Spanien kommend in die Po-Ebene gelangte. Nun haben zwei Forscher eine neue Methode angewandt: Sie berechneten den Kalorienbedarf der Elefanten und kamen zu einem überraschenden Ergebnis.
Die Kalorienbilanz der Kriegselefanten
Die Wissenschaftler nutzten historische Daten und moderne Ernährungswissenschaften, um zu ermitteln, wie viele Kalorien die Elefanten während der Alpenüberquerung benötigt hätten. „Ein ausgewachsener Kriegselefant benötigt täglich etwa 150.000 Kalorien“, erklärt einer der Forscher. „Bei einer Marschdauer von mehreren Wochen über unwegsames Gelände ergibt sich ein enormer Bedarf an Nahrung und Wasser.“
Die Berechnungen zeigen, dass die Tiere pro Tag rund 200 Kilogramm Futter fressen mussten – hauptsächlich Gras, Blätter und Zweige. In den Alpen wäre eine solche Menge nur auf bestimmten Routen verfügbar gewesen. Die Forscher simulierten daher verschiedene Pfade und verglichen sie mit der Vegetation und den klimatischen Bedingungen der damaligen Zeit.
Eine Route gegen die gängige Lehrmeinung
Die Ergebnisse stellen die bisher bevorzugte Route in Frage. „Die traditionell angenommene Strecke über den Montgenèvre-Pass hätte nicht genügend Futter für die Elefanten geboten“, so die Forscher. Stattdessen sei der Col de la Traversette, ein höherer und steilerer Pass an der Grenze zwischen Frankreich und Italien, wahrscheinlicher. „Dort fanden die Elefanten ausreichend Nahrung, und die Route war kürzer.“
Diese These wird durch archäologische Funde gestützt: In der Nähe des Col de la Traversette wurden Überreste von Pferdemist entdeckt, die auf die Zeit Hannibals datiert werden. Die Forscher betonen jedoch, dass ihre Methode nicht alle Fragen klären könne. „Wir liefern ein weiteres Puzzlestück, aber die endgültige Bestätigung bleibt schwierig.“
Bedeutung für die Geschichtsforschung
Die Studie zeigt, wie interdisziplinäre Ansätze historische Rätsel lösen können. „Die Kombination von Geschichtswissenschaft, Biologie und Geografie eröffnet neue Perspektiven“, sagt ein Historiker, der nicht an der Studie beteiligt war. „Hannibals Feldzug bleibt ein Meisterwerk der Militärstrategie – und die genaue Route ist mehr als eine akademische Frage: Sie erklärt, wie er es schaffte, Rom in die Knie zu zwingen.“
Die Forscher hoffen, dass ihre Arbeit zu weiteren Untersuchungen anregt. „Vielleicht finden wir irgendwann eindeutige Beweise – etwa Knochen von Elefanten oder Waffenreste. Bis dahin bleibt die Route ein spannendes Rätsel der Geschichte.“



