Während die Staats- und Regierungschefs der 32 Nato-Staaten in Ankara zum Gipfel zusammenkommen, hat sich die Sicherheitslage dramatisch zugespitzt. In der Nacht zuvor flogen die USA massive Luftangriffe auf iranische Ziele, woraufhin Teheran mit Angriffen auf US-Stützpunkte in Bahrain und Kuwait reagierte und mit einer vernichtenden Antwort drohte. Diese Eskalation wirft plötzlich eine Frage auf, die noch vor Stunden kaum jemand gestellt hätte: Wie sicher ist der Nato-Gipfel? Könnte der Iran sogar das Treffen des Bündnisses angreifen?
Drohnen und Raketen: Reichweite bis Ankara
Grundsätzlich ist ein Angriff möglich. Der Iran verfügt über das größte Raketenarsenal im Nahen Osten. „Mehrere Raketensysteme des Iran können Ankara treffen“, sagt Politikwissenschaftler Thomas Jäger. Die Shahed-Drohnenfamilie, die als Kamikaze-Drohnen eingesetzt wird, hat eine Reichweite von 900 bis 1000 Kilometern. Militärisch wäre die türkische Hauptstadt damit erreichbar.
Dennoch hält Jäger einen tatsächlichen Angriff für äußerst unwahrscheinlich. Er nennt mehrere Gründe: Die Luftüberwachung rund um den Gipfel sei massiv verstärkt. Gemeinsam mit der Türkei überwache die Nato den Luftraum engmaschig und verfüge über umfangreiche Fähigkeiten zur Luft- und Raketenabwehr. Ein möglicher Angriff hätte daher nur geringe Erfolgsaussichten.
Politisches Risiko für den Iran enorm
„Zweitens ginge Iran ein erhebliches Risiko ein, die ganze Nato gegen sich aufzubringen“, erklärt Jäger. Der politische Preis wäre enorm. Zudem habe Teheran kein Interesse daran, das Verhältnis zur Türkei weiter zu belasten, da Ankara auch während des Krieges den Kontakt zum Iran aufrechterhielt.
Der Nato-Gipfel gilt daher als eines der am besten geschützten Treffen der Welt. „Der Schutz ist massiv, aber nicht 100-prozentig. Den gibt es nicht“, so Jäger. Auch wenn sich die Lage im Nahen Osten in den vergangenen Stunden erneut zugespitzt hat, sieht er keine grundlegend neue Bedrohung für den Gipfel. Die Wachsamkeit der Sicherheitskräfte sei nach den jüngsten Angriffen zwar noch einmal erhöht worden, doch an der grundsätzlichen Einschätzung ändere das nichts: Ein Angriff wäre für den Iran militärisch möglich – politisch aber ein kaum kalkulierbares Risiko.



