Selenskyj schickt Orden zurück – Verweis auf Mussolini und Schröder
Im Geschichtsstreit zwischen Polen und der Ukraine hat der ukrainische Staatschef Wolodymyr Selenskyj einen Schlussstrich gezogen und den umstrittenen Orden des Weißen Adlers nach Warschau zurückgeschickt. Er verstehe, dass der Orden eine besondere Ehrung darstelle, schrieb Selenskyj auf X. „Es ist ein Symbol des höchsten Vertrauens der Republik Polen.“ Ein derartiges Symbol brauche Verdienst, aber auch Respekt für die Werte, die die Basis der Gesellschaft formen. „Wenn daher die Ansicht besteht, dass dieses besondere Symbol bei (Zarin) Katharina II., bei (Italiens Diktator) Benito Mussolini und (Ex-Bundeskanzler) Gerhard Schröder verbleiben darf, dann haben wir dem in der Ukraine nichts entgegenzusetzen“, so Selenskyj weiter. Er zeigte sich zugleich versöhnlich: Die Ukraine werde weiterhin offen sein „für alle sinnvollen Formate der Zusammenarbeit“, um widersprüchliche Auslegungen der schwierigen Kapitel der gemeinsamen Vergangenheit zu vermeiden. Tatsächlich bekam Benito Mussolini 1937 den Weißen Adler verliehen, als Polen versuchte, gute Beziehungen zur faschistischen Diktatur aufzubauen, um Unterstützung gegen NS-Deutschland und die Sowjetunion zu erhalten. Auch Japans Kaiser Hirohito erhielt die Auszeichnung; beiden Männern wurde sie nie entzogen.
Tusk mahnt zur Besonnenheit – Nawrocki entzog Orden
Der polnische Ministerpräsident Donald Tusk rief im Streit zwischen Polen und der Ukraine zur Besonnenheit auf. Es sei die Aufgabe Selenskyjs und des polnischen Staatsoberhaupts Karol Nawrocki, die Gemüter zu beruhigen, statt Spannungen zu schüren, sagte Tusk. Nawrocki hatte Selenskyj den höchsten Orden Polens entzogen, nachdem dieser eine ukrainische Armeeeinheit nach der Ukrainischen Aufstandsarmee (UPA) benannt hatte. Dies sorgt in Polen für Empörung, da UPA-Nationalisten im Zweiten Weltkrieg Massaker an Polen verübten. Nawrocki verkündete die Aberkennung des Weißer-Adler-Ordens am Freitagabend in einer Videobotschaft. Die ukrainische Regierung verurteilte den Schritt umgehend als „strategischen Fehler“ und „respektlos“.
Kiewer Präsidialamtschef verzichtet auf polnische Ehrung
Im Geschichtsstreit will auch der ukrainische Präsidialamtschef Kyrylo Budanow eine staatliche Auszeichnung Polens zurückgeben. Er verzichte auf das Goldene Offizierskreuz des Verdienstordens der Republik Polen, mit dem er im vergangenen Jahr ausgezeichnet worden sei, schrieb er auf Telegram. Budanow sprach von einer unfreundlichen Geste Nawrockis gegenüber dem ukrainischen Volk und einem Geschenk an den Aggressor Russland. Auch der ukrainische Außenminister Sybiha hatte die Rückgabe einer Auszeichnung angekündigt. Tusk hat Nawrocki und Selenskyj zur Mäßigung aufgerufen. „Der Konflikt zwischen Polen und der Ukraine freut (Kremlchef Wladimir) Putin und schockiert unsere Verbündeten“, schrieb er auf X. Der Streit eskaliert knapp eine Woche vor einer Wiederaufbaukonferenz für die Ukraine im polnischen Danzig.
Selenskyj löste Streit mit Beinamen für Armee-Einheit aus
Selenskyj hatte die höchste Auszeichnung Polens 2023 von Nawrockis Vorgänger Andrzej Duda verliehen bekommen, um die Freundschaft zwischen Polen und der Ukraine angesichts der russischen Aggression zu unterstreichen. Den Streit löste Selenskyj Ende Mai aus, als er einer Armee-Einheit den Beinamen „Helden der UPA“ verlieh. Kiew ehrt das Andenken an die Untergrundkämpfer der Ukrainischen Aufstandsarmee (UPA), weil sie nach dem Zweiten Weltkrieg Widerstand gegen die Sowjetherrschaft leisteten. Während des Krieges hatten die Bewaffneten aber Massaker an Zehntausenden Polen und Juden in der heutigen Westukraine verübt.
Russischer Angriff auf Charkiw – ein Toter und neun Verletzte
Bei einem russischen Luftangriff auf die Stadt Charkiw im Nordosten der Ukraine ist Behördenangaben zufolge ein Mensch getötet worden. Unter den Trümmern eines zerstörten Wohngebäudes sei eine Leiche entdeckt worden, teilte Bürgermeister Ihor Terechow am Samstag mit. Neun Menschen wurden nach Angaben von Regionalgouverneur Oleh Synehubow zudem verletzt. In der Region Cherson im Süden der Ukraine wurde den örtlichen Behörden zufolge eine 72-jährige Frau bei einem Drohnenangriff verletzt. Bei einem weiteren Drohnenangriff in der Stadt Cherson wurden drei Menschen verletzt. Moskau und Kiew hatten in den vergangenen Monaten die gegenseitigen Angriffe verstärkt. Das russische Verteidigungsministerium teilte mit, in der Nacht zum Samstag habe die Luftabwehr 187 ukrainische Drohnen abgeschossen, unter anderem in der Region Moskau.
Polen fordert Platz am Verhandlungstisch zur Ukraine
Der polnische Außenminister Radoslaw Sikorski kritisierte die Führungsrolle von Deutschland, Frankreich und Großbritannien bei den Gesprächen zum Ukraine-Krieg. „Zwischen dem Schwarzen Meer, der Ostsee und der Adria leben 120 Millionen Menschen in der EU, zusammen mit Skandinavien sind es 150 Millionen Menschen, die von Russlands Aggression viel direkter bedroht sind als Deutschland“, sagte er der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“. Polen befinde sich an vorderster Front und trage das Risiko für die durch das Land laufenden Rüstungslieferungen an die Ukraine, daher fordere es einen Platz am Verhandlungstisch. Er schlug vor, den Weg über die in den EU-Verträgen festgelegten Institutionen zu gehen oder an einer „Koalition der Willigen“ zu arbeiten. Bundeskanzler Friedrich Merz hat die Staats- und Regierungschefs von Frankreich, Großbritannien, Italien und Polen für kommende Woche zu einem sogenannten E5-Treffen nach Berlin eingeladen.
Selenskyj: Ukraine faktisch „zweitstärkste Armee der Nato“
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat die ukrainischen Streitkräfte faktisch als die heute „zweitstärkste Armee der Nato“ bezeichnet. „Und daher braucht uns die Nato auch de-jure“, sagte er Journalisten, wie das Internetportal „Hromadske“ berichtete. Das ukrainische Militär stehe bei der Verteidigung gegen die russische Invasion in nichts nach. Die Ukraine ist kein Mitglied des westlichen Militärbündnisses. Eines der erklärten Kriegsziele von Moskau besteht darin, den Nato-Beitritt Kiews zu verhindern.
Weitere Entwicklungen: Angriffe auf Krim, AKW Saporischschja, Mariupol
Das ukrainische Militär hat Eisenbahnbrücken auf der von Russland besetzten Halbinsel Krim angegriffen, die für Militärtransporte genutzt werden. In der frontnahen Stadt Kramatorsk wurden mindestens zwei Menschen durch russischen Beschuss getötet. Das russische Militär griff zwei zivile Handelsschiffe im Schwarzen Meer mit Drohnen an; ein Besatzungsmitglied eines Schiffes unter der Flagge Panamas wurde getötet. Bei einem ukrainischen Drohnenangriff auf die Region Moskau am Donnerstag kam ein achtjähriges Mädchen ums Leben. Das ukrainische Erste Asow-Korps weitete seine Angriffe auf russische Logistik im besetzten Mariupol aus. Am AKW Saporischschja registrierte die russische Besatzungsverwaltung 14 Einschläge bei einem Drohnenangriff; ein Feuer brach aus, Gebäude wurden beschädigt.



