Kommentar: Trump ist der Boss – aber nicht mehr uneingeschränkt. Beim G7-Gipfel gab es Fremdschäm-Momente wie die Übergabe des Trikots an den US-Präsidenten durch den Kanzler. Wenn es hilft, muss es aber sein. Denn es gibt große Chancen für Europa.
Trump zeigt Muskeln – doch die Grenzen seiner Macht werden sichtbar
Am zweiten Tag des G7-Gipfels ließ Donald Trump buchstäblich die Muskeln spielen. Erst ließ der US-Präsident die anderen Regierungschefs warten, ein immer wieder gern genutztes Mittel der eigenen Machtdemonstration. Als er dann im Saal eintrudelte, sagte er, bevor er Platz nahm, nur einen Satz: „Ich bin der Boss.“
Natürlich ist der US-Präsident noch der Boss, der mächtigste Mann auf der Welt. Aber der G7-Gipfel hat doch eines gezeigt: Trump ist nicht mehr der uneingeschränkte Boss, der tun und lassen kann, was er will.
Hat er sich bislang über alle politischen Konventionen hinweggesetzt, auf internationale Abkommen gepfiffen und lüstern versucht, die multilaterale Nachkriegsordnung in ihre Einzelteile zu zerlegen, wurden ihm im französischen Évian erstmals im westlichen Staatenbündnis die Grenzen seiner Macht aufgezeigt. Auch für einen Donald Trump gelten offenbar doch noch die politischen Naturgesetze.
Mit seinem ohne Grund vom Zaun gebrochenen Irankrieg hat sich Trump in eine Sackgasse manövriert. Und auf einmal braucht der US-Präsident doch ein paar Freunde an seiner Seite. Freunde, die sein Friedensabkommen mit dem Iran politisch unterstützen, um seine krachende Niederlage als diplomatischen Sieg verkaufen zu können.
Diese Entwicklung eröffnet Europa neue Handlungsspielräume. Die europäischen Staats- und Regierungschefs sollten diese Chance nutzen, um eigene Akzente zu setzen und die transatlantischen Beziehungen auf eine neue, gleichberechtigte Grundlage zu stellen. Die Zeiten, in denen Washington einfach die Richtung vorgab, sind vorbei.



