Ukraine isoliert die Krim – aber die Kertsch-Brücke bleibt verschont
Der ukrainischen Armee gelingt es, die von Russland besetzte Krim-Halbinsel mehr und mehr zu isolieren. Luftangriffe auf Versorgungsstraßen, Schienen und Fährverbindungen sollen die russischen Truppen von Nachschub abschneiden. Doch auffällig ist: Die wichtigste Verbindung, die Kertsch-Brücke, wird bislang nicht erneut attackiert. Das hat gute Gründe, wie Militärexperten erklären.
Psychologische Kriegsführung und militärischer Nutzen
„Es sieht so aus, als würde die Krim zur Insel werden“, sagte der ukrainische Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow. Diese Worte sind nicht nur Beschreibung, sondern auch psychologische Kriegsführung gegen die russische Armee und die Zivilbevölkerung auf der Krim, die den Treibstoffmangel bereits spürt. Die Ukraine hat die Initiative auf dem Schlachtfeld zurückgewonnen – ob auf der Krim, an der Front oder durch Langstreckenangriffe in Russland. Ziel ist es, vor dem Winter maximalen Druck aufzubauen, bevor Russland erneut die Energieversorgung attackiert.
Doch die Angriffe auf die Krim haben auch einen klaren militärischen Nutzen: Wenn Brücken und Lastwagen zerstört werden, fehlt der russischen Armee der Nachschub für die Invasion auf dem ukrainischen Festland. „Fällt die Krim, fällt auch der Krieg in sich zusammen“, sagt Militäranalyst Andreas Rapp. Die Halbinsel fungiert als zentrales Aufmarschgebiet und Logistikknoten für russische Angriffe in der Südukraine.
Die symbolische Bedeutung der Krim
Hinzu kommt die immense symbolische Bedeutung der Krim für den russischen Präsidenten Wladimir Putin. Die Annexion der Krim 1783 durch Zarin Katharina die Große war ein wesentlicher Baustein zur Etablierung Russlands als Großmacht. Putin sieht sich in dieser Tradition und will die Krim dauerhaft russisch halten. Die Kertsch-Brücke, die einzige direkte Verbindung zwischen der Krim und dem russischen Festland, ist Putins Prestigeprojekt. Mit 19 Kilometern ist sie die längste Brücke Europas und wurde 2018 von Putin persönlich eröffnet. Jede Attacke trifft daher nicht nur Beton, sondern den Machthaber direkt.
Warum die Kertsch-Brücke nicht attackiert wird
In der Vergangenheit hat die Ukraine die Brücke mehrfach ins Visier genommen. „Die Brücke wird aufgrund der Angriffe seit circa 2024 von den russischen Streitkräften nicht mehr für den Munitions- und Treibstofftransport genutzt“, bestätigt Rapp. Die Ukraine hat also bereits erreicht, dass Russland alternative Versorgungswege nutzen muss. Dass die Kertsch-Brücke bislang nicht erneut attackiert wurde, liegt an ihrer Bauweise. „Leider sind solche Bauwerke recht stabil“, sagt Militärexperte Gustav Gressel. Im Gegensatz zur älteren Tschonhar-Brücke im Norden der Krim ist die Kertsch-Brücke robust und erfordert eine sehr große Menge Sprengstoff.
Um sie effektiv zu zerstören, müssten die Ukrainer die Brücke zunächst in Besitz nehmen und dann kontrolliert sprengen – ein derzeit unrealistisches Szenario. Alternativ könnten Unterwasserdrohnen oder Lastwagen mit Sprengstoff eingesetzt werden, wie bereits 2022 und 2023 geschehen. Doch Gressel bezweifelt, dass eine solche Attacke erneut gelingen würde. Auch Luftangriffe mit schweren Gleitbomben oder dem neuen Marschflugkörper „Flamingo“ wären schwierig, da sie die russische Luftverteidigung überwinden müssten. „Der Flamingo müsste in einer hohen Kurve anfliegen, um im steilen Winkel auf die Brücke zu treffen – genau dann ist er früh auf dem Radar zu erkennen“, erklärt Gressel.
Drohnen müssten Reparaturen verhindern
Selbst bei einem erfolgreichen Anschlag wäre die Arbeit nicht getan: „Man müsste die Brücke nach der Zerstörung ständig mit Drohnen heimsuchen, um Reparaturarbeiten zu verhindern“, so Gressel. Der Aufwand wäre enorm. Möglicherweise verzichtet die Ukraine bewusst darauf, denn um die Krim unter Druck zu setzen, muss Putins Brücke vielleicht gar nicht mehr zerstört werden. Die Isolation der Halbinsel schreitet auch ohne die Zerstörung der Brücke voran – und das könnte letztlich effektiver sein.
Mit Material der dpa



