Archivtag Prenzlau deckt auf: 74 statt 66 Kinder starben bei Russlanddeutschen-Flucht 1929
Archivtag Prenzlau: Neue Erkenntnisse zu Russlanddeutschen-Flucht

Tag des Archivs in Prenzlau: Neue Forschungsergebnisse und persönliche Spurensuche

Das Historische Stadtarchiv im Dominikanerkloster Prenzlau öffnete am Wochenende seine Türen zum Tag des offenen Archivs. Rund 60 interessierte Besucher nutzten die Gelegenheit, um Einblicke in die umfangreichen Bestände zu erhalten, persönliche Recherchen durchzuführen und neue historische Erkenntnisse zu gewinnen. Der Aktionstag stand unter dem Motto „Alte Heimat – neue Heimat“ und bot neben Magazinführungen eine spezielle Ausstellung im Lesesaal.

Tragische Kinderschicksale: Korrektur einer historischen Ungenauigkeit

Ein besonderer Fokus lag auf dem Schicksal der Russlanddeutschen, die 1929 aus der damaligen Sowjetunion flohen, in Prenzlau Station machten und 1930 nach Kanada, Brasilien und Paraguay auswanderten. Archivleiterin Sabine Nietzold und ihre Kollegin Steffi Huth entdeckten bei den Vorbereitungen eine gravierende Ungenauigkeit: „Die Rede war immer von 66 Kindern, die starben. So steht es auch am Gedenkstein zu lesen. Doch stattdessen waren es 74 Mädchen und Jungen“, erklärt Nietzold. Im Friedhofsregister sind alle namentlich erfasst.

Der Fehler entstand Anfang der 1990er-Jahre, als die Gedenktafel an einem bereits vor dem Krieg existierenden Stein angebracht wurde. „Es gibt sogar einen Zettel, auf dem der Fehler vermerkt wurde“, so die Archivleiterin. Bürgermeister Marek Wöller-Beetz sicherte nach Kenntnisnahme zu, sich der Sache anzunehmen und eine Korrektur veranlassen zu wollen. Bis heute melden sich Nachfahren der Russlanddeutschen, darunter Angehörige aus den USA, die die Lebenswege ihrer Verwandten nachzeichnen möchten.

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Forschungsergebnisse eines ehemaligen Prenzlauers

Dr. Dieter Neuendorf, ein ehemaliger Prenzlauer, präsentierte in einem ausführlichen Vortrag seine Rechercheergebnisse. Auslöser waren Fotos aus dem Nachlass einer Tante, die offenbar Kinder der Russlanddeutschen betreut hatte. Seine Spurensuche, teilweise im Mitteilungsheft des Uckermärkischen Geschichtsvereins publiziert, wurde mit zahlreichen historischen Aufnahmen unterlegt. Viele der geflohenen Familien überstanden eine Masern-Epidemie nicht, der ein Gedenkstein auf dem Städtischen Friedhof gewidmet ist.

Persönliche Spurensuche und umfangreiches Archivangebot

Neben der wissenschaftlichen Aufarbeitung nutzten Besucher wie Hartmut Stachelhaus den Tag für persönliche Recherchen. Stachelhaus, der in dritter Generation ein 1896 gegründetes Schuhgeschäft in der Steinstraße betreibt, suchte nach alten Fotos für ein anstehendes Klassentreffen zum 60-jährigen Schulabschluss. „Ich will nach alten Fotos von der Steinstraße schauen, die ich vielleicht nächstes Jahr beim Klassentreffen präsentieren kann“, sagte er. Archivleiterin Nietzold lud ihn ein, für eine ausführliche Suche in den großen Fotoalben des Lesesaals wiederzukommen.

Zu den Highlights des Archivs gehören die schmalen Bürgerbücher, deren ältestes Exemplar aus dem Jahr 1585 stammt. Der umfangreiche Medienbestand umfasst gesammelte Ausgaben des Uckermark Kurier und der „Freien Erde“. Ständig kommen neue Dokumente hinzu, während das Team um Sabine Nietzold und Steffi Huth zahlreiche Anfragen bearbeitet: von Familienforschern und Erbanfragen über Unterstützung für Studenten und Schüler bis zur Überarbeitung von Zeitspuren-Tafeln im Stadtgebiet. Zusätzlich beteiligt sich das Archiv am Agenda-Diplom und führt Volkshochschulkurse durch.

Unter den jüngsten Besuchern war die kleine Hannah, die sich während der Magazinführung ihrer Mutter im Zeichnen mit dem Federkiel probierte. Der Tag des offenen Archivs zeigte einmal mehr, wie lebendig Geschichte durch persönliche Bezüge und akribische Forschung bleibt.

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