DDR-Stammtisch in Waren: Ostalgie und Westbesuch bei vier DDR-Legenden
DDR-Stammtisch: Ostalgie und Westbesuch bei Legenden

DDR-Stammtisch in Waren: Vier Legenden und ihre Anhänger

Im Warener Bürgersaal versammelten sich kürzlich vier prominente Persönlichkeiten aus DDR-Zeiten, deren gemeinsame Lebensjahre stolze 341 zählen. Frank Schöbel, Waldemar Cierpinski, Täve Schur und Egon Krenz lockten mit ihrem „DDR-Stammtisch“ nicht nur ostalgiebegeisterte Gäste an, sondern auch Besucher aus dem Westen Deutschlands, die sich für die historische Selbstvergewisserung interessierten.

Westbesuch mit Autogrammwünschen

Thomas Brochhagen reiste extra aus Nordrhein-Westfalen an, um „mehr über die Menschen in Ostdeutschland zu erfahren“. Der Westdeutsche hatte seine Frau und seinen zehnjährigen Sohn um eine zweitägige Auszeit an der Müritz gebeten. Noch vor Beginn der Veranstaltung sicherte er sich das begehrte Autogramm des 95-jährigen Radrennfahrers Täve Schur auf einer Seite der „Neuen Berliner Illustrierten“.

Doch damit nicht genug: Brochhagen hatte sich für alle Idole vorbereitet. Für Frank Schöbel brachte er ein LP-Cover mit Schlagern des 84-Jährigen zum Signieren mit. Schöbel präsentierte im Reigen der DDR-Legenden sogar ein neues Lied: „Im Osten geht die Sonne auf – im Westen geht sie unter“.

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Zwischen Gemeinschaftsgefühl und historischen Widersprüchen

Zu Beginn des Abends entstand durch den vielstimmigen Gesang von „Bau auf, bau auf...!“ ein starkes „Wir-Gefühl“, das die Vision eines besseren Deutschlands – nämlich der DDR – beschwor. Dieser Tenor blieb erhalten und erntete immer wieder Applaus, etwa als Täve Schur scherzte, er wolle nur so lange leben, „um dem Kapitalismus lange zu schaden“.

Doch nicht alle teilten diese Nostalgie: Zwei Damen verließen den Saal vorzeitig, weil ihnen die Verherrlichung der „guten alten Zeiten“ Übelkeit bereitete – zumal es vielen Menschen heute sehr gut gehe. An der Bar im Bürgersaal hatte man sich indes auf den Ost-Geschmack eingestellt und servierte das beliebte DDR-Mixgetränk „Grüne Wiese“, wenn auch nicht im originalen Glas.

Ost-West-Paar mit gemischten Gefühlen

Kerstin Draeger-Tlusty und ihr Mann Mike Tlusty waren extra von der Alster an die Müritz gereist. Das Ost-West-Paar mit Leidenschaft für beide Seiten beschrieb, wie sie viel über ihre Kindheit reden und einander im Denken verstehen wollen. Dennoch fühlte sich die Hamburgerin an diesem Abend in manchen Momenten „als schlechter Mensch aus dem Westen“.

Ein anonym bleibender Zuschauer äußerte hingegen deutliche Kritik: „Solche Veranstaltungen waren überfällig. Es muss über unsere Geschichte und unsere Leben wertschätzender geredet werden. Und wie kann es sein, dass man in der Schule das Thema DDR kaum mehr behandelt! Wir sind doch noch immer Menschen zweiter Klasse.“

Politische Reflexionen und persönliche Begegnungen

Klaus Härtl, Ex-Fußballer aus Erfurt, resümierte: „Es war im Osten nicht alles besser, aber es war mehr Gefühl.“ Mit seinen Veranstaltungen möchte er erreichen, „dass mehr als Stasi und Stacheldraht von der DDR bleibt“.

Egon Krenz, der letzte DDR-Staatschef, kam ohne Mikrofon aus, um den gesamten Saal zu erreichen. Er beschrieb die historische Situation: „Als Gorbatschow uns aufgegeben hatte, hinter unserem Rücken seine Politik machte, hätten wir machen können, was wir wollen, denn wir wären ohne die Sowjetunion nicht existent gewesen. Die DDR ist eingegangen in die Bundesrepublik Deutschland. Leider eingegangen, aber nicht beachtet, dass wir 40 Jahre lang eine eigene Prägung hatten.“

Lothar Scholz, ein 86-jähriger Ex-Lehrer aus Feldberg, reiste extra an, um Krenz einen Brief zu überreichen, in dem er die Bücher des letzten DDR-Staatschefs als „ehrliche Aufarbeitung unserer Geschichte“ lobte. Krenz, der wegen der Schüsse an der Mauer zu sechseinhalb Jahren Gefängnis verurteilt wurde, hatte sein drittes Buch mitgebracht – und viele Besucher ließen sich die Vorgängerwerke signieren.

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Fazit eines Westbesuchers

Thomas Brochhagen zog ein positives Resümee: „Besser hätte ich mir den Abend gar nicht vorstellen können. Ich fühle mich nicht beschimpft, sondern klüger und bereichert.“ Der Westdeutsche plant nun, mit seiner Familie demnächst Urlaub an der Müritz zu machen – ein Zeichen, dass solche Begegnungen Brücken schlagen können, auch wenn die historischen Widersprüche bleiben.