Kindheit in der DDR: Wie Eltern das Überleben in zwei Diktaturen lehrten
Kindheit in DDR: Überleben in zwei Diktaturen

Zwei Diktaturen, eine Lebensgeschichte: Andrea Behrens erinnert sich

Andrea Behrens verfolgt mit großem Interesse die aktuelle Diskussion über die DDR-Vergangenheit in der Leserschaft des Nordkuriers. Die 72-jährige Zeitzeugin betont die Bedeutung persönlicher Erfahrungen: „Wir sind Zeitzeugen eines untergegangenen Staates. Niemand kann mehr hinfahren und die einzelnen Aussagen überprüfen. Vieles davon ist aber dokumentiert und belegt. Und es bleiben die persönlichen Lebensläufe mit ihren Geschichten.“

Frühe Lektionen: Anpassung als Überlebensstrategie

Andrea Behrens, Jahrgang 1954, schildert ihre Kindheitserfahrungen: „Meine Eltern, geboren 1918 und 1919, haben ein Leben lang darunter gelitten, dass sie zweimal hintereinander in einer Diktatur leben mussten. Mein Großvater war in der SPD. Nach dem Verbot der SPD unter Hitler der Verfolgung entkommen, wurde die SPD mit der KPD in der DDR zwangsvereinigt: In der SPD gab es kein Mitspracherecht.“

Die Eltern prägten ihre Tochter nachhaltig: „Meine Eltern haben mir aufgrund ihrer Erfahrungen mit einer Diktatur schon früh beigebracht, dass man sich anpassen muss und im eigenen Interesse möglichst nicht auffallen sollte. Weil es ums Überleben geht.“

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Traumatische Erinnerungen an die Wendezeit

Nach der politischen Wende erlebte die Familie erneut schwierige Zeiten. Andrea Behrens erinnert sich: „Nach der Wende sei es nicht weit von der Wohnung ihrer Eltern zu Schlägereien auf der Straße gekommen. Die Polizei hatte große Schwierigkeiten, das in den Griff zu bekommen.“

Besonders ihre Mutter litt unter den Ereignissen: „Ich bekam mit, wie stark traumatisiert meine Mutter immer noch von der Zeit in der Weimarer Republik war, die sie als Kind erlebte. Da waren Schlägereien auf der Straße an der Tagesordnung. Es war für sie mit die größte Enttäuschung nach der Wende. Sie hatte sich den Westen anders vorgestellt.“

Begegnungen mit Stasi-Opfern

Während ihrer Zeit in der evangelischen Studentengemeinde lernte Andrea Behrens einen jungen Mann kennen, dessen Schicksal sie tief berührte: „Er kam eines Tages zu uns, der wegen Republikflucht eingesperrt worden war und nur frei kam, nachdem er unterschrieben hatte, für die Stasi zu arbeiten. Das war für ihn allerdings die Fortsetzung des Horrors auf einer anderen Ebene.“

Sie kritisiert den pauschalen Umgang mit solchen Fällen: „Er hatte schließlich nur aufgrund der unerträglichen Haftbedingungen unterschrieben. Doch natürlich wurde und wird er mit allen anderen Stasimitarbeitern in einen Topf geworfen, obwohl er völlig allein auf sich gestellt aus großer seelischer Not heraus gehandelt hat.“

Die Vielschichtigkeit der DDR-Erfahrungen

Andrea Behrens ist an die Öffentlichkeit gegangen, weil sie die vereinfachenden Darstellungen stören: „Weil es mich sehr stört, wenn Menschen ihre Perspektive zu der einzig Wahren erklären und dabei sehr selbstgerecht sind. Es gab nicht das Schicksal in der DDR. Es war in jeder Beziehung sehr vielschichtig.“

Sie betont die unterschiedlichen Generationenerfahrungen: „Dieses Leben war vor allem für die, die die Nazi-Diktatur erlebt hatten, ein Trauma. Das ist eine andere Geschichte als die derjenigen, die in der DDR geboren wurden. Und genau das wird nirgendwo erzählt.“

Ein persönliches Vermächtnis

Für Andrea Behrens haben die verschiedenen Geschichten über die DDR eine große Ambivalenz: „Eine Diktatur ist nie gut, und ich habe besonders mit der Generation meiner Eltern Mitgefühl, die zwei Diktaturen hintereinander ertragen mussten.“

Sie kritisiert insbesondere das Schicksal der SPD-Genossen: „Die Genossen der SPD wurden ungeachtet ihres Schicksals auch einfach in den allgemeinen Topf der SED geworfen, obwohl sie gar keine Wahl hatten außer der, Repressalien zu erleben, wenn man aufmuckt. Sie wurden nie rehabilitiert, und die SPD von heute interessiert sich nicht für ihr Schicksal.“

Mit ihrem Statement möchte Andrea Behrens ihrem Großvater eine Stimme geben: „Damit sein Schicksal stellvertretend für viele endlich gesehen und gehört wird. Die Geschichten werden nie aus erzählt sein. Das Bild, das man heute von der DDR erzählt, bleibt damit ein Fragment.“

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