Nach Tiger-Ausbruch: So viele Raubkatzen leben privat in Deutschland
Tiger-Ausbruch: Raubkatzen in privater Haltung

Die Dokuserie „Tiger King“ um den exzentrischen Privatzoo-Betreiber Joe Exotic brachte Netflix vor einigen Jahren riesige Zuschauerzahlen und löste bei vielen Verwunderung über die unerwartet weitverbreitete private Haltung von großen Raubkatzen und anderen exotischen Tieren in den USA aus. Doch auch in Deutschland leben viele Raubkatzen in privater Hand.

Vorfall in Schkeuditz: Tiger ausgebrochen

In Schkeuditz bei Leipzig brach am Wochenende ein Tiger aus einem Gehege einer privaten Halterin aus. Er hatte zuvor einen 73-jährigen Mann in seinem Käfig angegriffen und verletzt. Die Polizei musste das Tier, das nach dem Ausbruch in eine gut besuchte Gartenanlage geflohen war, erschießen. Der Vorfall wirft ein Schlaglicht auf die Gefahren, die von privater Raubtierhaltung ausgehen.

Schlummernde Gefahr: Hohe Dunkelziffer

Ein solcher Vorfall könnte sich vielerorts in Deutschland wiederholen, denn die private Haltung von Raubkatzen und anderen gefährlichen Exoten ist in Deutschland nicht verboten. In den meisten Fällen – unter anderem in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg – gibt es keinerlei Beschränkungen oder gar Verbote. In Nordrhein-Westfalen wird zwar die Haltung von Gifttieren durch ein Gesetz geregelt, Löwen, Tiger oder Krokodile können dagegen ohne Einschränkungen gehalten werden. Es muss lediglich die Haltung beim örtlichen Veterinäramt angemeldet und ein geeignetes Gehege nachgewiesen werden.

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Selbst darüber, wie viele gefährliche Raubkatzen in den jeweiligen Bundesländern und in Deutschland privat gehalten werden, gibt es kaum verlässliche Zahlen, weil sie bisher kaum zentral, sondern von den jeweiligen Behörden vor Ort erfasst werden. Schätzungen gehen von bundesweit rund 130 bis 160 Tigern sowie zahlreichen Löwen in Privathaushalten aus. Die Dunkelziffer dürfte höher liegen, so geht die Tierrechtsorganisation Peta davon aus, dass dutzende Tiere illegal gehalten werden.

Gefahr durch Ausbrüche und Aussetzungen

Gefährlich wird es vor allem dann, wenn Tiere wie in Schkeuditz aus ihrem Gehege ausbrechen, oder gar aufgrund des hohen Aufwands und der hohen Kosten bewusst freigelassen oder ausgesetzt werden. Im brandenburgischen Kleinmachnow machte im Sommer 2023 eine vermeintlich entlaufene Löwin Schlagzeilen und warf ein Schlaglicht auf private Raubtierhaltung. Hinterher stellte sich jedoch heraus, dass es sich bei dem gesichteten Tier um ein Wildschwein handelte.

Ansonsten sind Ausbrüche von Raubkatzen – auch aus großen Zoos und Zirkussen – äußerst selten. Viel häufiger kommt es dagegen vor, dass Gift- und Würgeschlangen aus privaten Terrarien entweichen oder bewusst ausgesetzt werden.

Scharfe Kritik an laschen Regeln

Die laschen Regelungen zur privaten Haltung solcher Exoten werden scharf kritisiert. Der Vorfall in Schkeuditz zeige, dass die Haltung gefährlicher Wildtiere in Privathand oder in mobilen Betrieben nicht ausreichend sicher sei, kritisiert Peta und fordert eine Verschärfung der Gesetzgebung.

Kritik gab es auch schon in der Vergangenheit von professionellen Haltern: Privatleute seien im Gegensatz zu ausgebildeten Fachkräften und Zoos, wo Ausbruchs-Szenarien regelmäßig geübt werden, oft nicht darauf vorbereitet, was sie im Ernstfall – etwa wenn das Tier ausbricht – tun sollen, erklärt Christian Walliser, Cheftierpfleger im Zoo und Freizeitpark Tatzmania in Löffingen, gegenüber der Südwest Presse.

Leid der Tiere und hohe Kosten

Auch die Tiere leiden unter der häufig mangelhaften Haltung. In Stuttgart stießen die Mitarbeiter des Veterinäramts Anfang des Jahres auf ein Bild des Schreckens: In einem Wohnhaus wurden 47 Riesenschlangen unter miserablen Bedingungen gehalten. 13 davon waren bei der Kontrolle bereits verendet, die restlichen in schlimmem Zustand.

Und die Haltung großer Raubkatzen stellt noch ungleich höhere Herausforderungen: „Löwen darf man nicht allein halten“, erklärt Christian Walliser: „Das sind Rudeltiere.“ Auf private Halter kommen also immense Kosten für die Unterbringung sowie rund 100 bis 150 Euro Futterkosten pro Tier und Tag zu. Als privater Halter könne man diese Anforderungen gar nicht erfüllen, weshalb sich Walliser einheitliche und strengere Regeln wünscht: „Eine Privatperson hat keine Giftschlangen oder Raubkatzen zu halten.“

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