Allianz-Chef Oliver Bäte zeichnet ein düsteres Bild der wirtschaftlichen Lage in Deutschland und Europa. Angesichts geopolitischer Konflikte, steigender Energiepreise und notwendiger Reformen in westlichen Ländern sagte der Chef von Europas größtem Versicherungskonzern am Dienstagabend vor Journalisten: „Die Welt ist so stark von Unsicherheit geprägt wie noch nie zuvor in meinem Berufsleben.“ Gleichzeitig entstehe mit Künstlicher Intelligenz (KI) eine neue Basistechnologie, eine große Transformation, der sich Unternehmen stellen müssten.
Europa droht wirtschaftlicher Abstieg
Europa drohe, wirtschaftlich abgehängt zu werden. Deutschland könne im schlechtesten Fall zu einer Art „Run-off“-Wirtschaftsmacht werden – also zu einem Markt, in dem vor allem Bestehendes verwaltet wird, statt neues Wachstum zu schaffen. Die großen Entwicklungen rund um Digitalisierung und KI entstünden vielfach in den USA. Bäte sieht Parallelen zur Internetblase um die Jahrtausendwende: „Es bilden sich gerade Blasen in vielen Bereichen, vor allem bei Technologie-Aktien.“
Das bedeute nicht, dass KI nicht erfolgreich werden könne. Es werde nur nicht jede Firma überleben, die heute mit einem überbewerteten Geschäftsmodell an den Markt gehe. „Wir wissen im Voraus allerdings nicht, wer der Überlebende sein wird“, sagte Bäte.
Allianz setzt auf flexible KI-Partnerschaften
IT-Vorständin Barbara Karuth-Zelle betonte, dass der Konzern mit verschiedenen Anbietern zusammenarbeite und großen Wert darauf lege, dass diese jederzeit austauschbar sind. „Wenn eines der großen KI-Sprachmodelle beispielsweise die Preise stark anheben würde, ist die IT so aufgestellt, dass wir den Anbieter wechseln könnten“, erklärte Karuth-Zelle.
Mit dem KI-Unternehmen Anthropic hat die Allianz eine Partnerschaft geschlossen. Der Konzern rechne damit, im nächsten Zyklus Zugang zu „Mythos“ zu erhalten, so Karuth-Zelle. Das Modell gilt als extrem mächtig, weil es Schwachstellen in IT-Systemen selbstständig auffinden kann. Bislang haben nur wenige Unternehmen Zugang, insbesondere große Konzerne in den USA. Die Allianz betont, nicht auf einzelne Modelle zu warten; das KI-Umfeld entwickele sich sehr dynamisch.
Vertrieb über KI-Chatbots wird getestet
Durch die Verbreitung von KI ändert sich die Kundenansprache für die Allianz. Vorständin Sirma Boshnakova betonte, wie wichtig es sei, auf den Sprachmodellen (LLMs) präsent zu sein. Versicherer müssten mit ihren Produkten in Empfehlungen auftauchen, wenn sich Kunden über KI-Bots wie ChatGPT und Claude informieren.
Der Konzern sei in Spanien bereits über eine integrierte App in ChatGPT präsent, bestätigte Boshnakova. Allianz Direct kooperiert mit dem spanischen Insurtech Tuio, dessen Anwendung als eine der ersten im Versicherungssektor im Februar von OpenAI zugelassen wurde. Für die Allianz ist das mehr als ein zusätzlicher digitaler Kanal: Der Versicherer testet, wie sich einfache Policen künftig dort anbahnen lassen, wo Kunden ihre Fragen ohnehin stellen – im Dialog mit einem KI-System.
ChatGPT-Apps wie die von Tuio ermöglichen es Nutzern, innerhalb des Chatbots passende Versicherungsangebote abzurufen. Mitte Juni brachten Tuio und Allianz Direct ein neues Angebot zur Kfz-Versicherung auf den Markt. Der Abschluss findet bislang nicht vollständig im Chat statt, doch schon die Produktauswahl und die Weiterleitung zum Anbieter reichen aus, um die Kräfteverhältnisse im Vertrieb zu verändern. Das Angebot konzentriert sich auf Spanien, eine Expansion in weitere europäische Märkte ist geplant.
Haftungsfragen bei KI-Empfehlungen
Es kommen neue Haftungsfragen auf, wenn ein KI-Chatbot Empfehlungen abgibt, die zum Abschluss einer Police führen – und Kunden sich dabei nicht innerhalb unternehmensspezifischer Apps bewegen. In Deutschland sind diese Fragen noch nicht geklärt. Allianz-Chef Bäte hat eine klare Meinung: „Die Anbieter der Sprachmodelle sind haftbar. Sie behaupten, sie seien es nicht, aber sie sind es.“ Die Chatbots würden häufig falsche Antworten zu Gesundheitsfragen geben – ein „Oops, das war wohl falsch“ reiche nicht aus, sagte Bäte.
Effizienzgewinne durch KI verändern Stellenprofile
Bäte hatte in der Vergangenheit mehrfach betont, durch KI Effizienzgewinne und Einsparungen hebeln zu wollen. Konkret betrifft das die Tochter Allianz Partners. Tomas Kunzmann, Chef von Allianz Partners, bestätigte am Dienstagabend, dass in mehreren europäischen Ländern bis zu 1800 Stellen wegfallen, in Deutschland sind es 80 bis 100 Stellen. Der Abbau läuft über ein Freiwilligenprogramm und betrifft vor allem Mitarbeitende in Call-Centern.
Wie viele Stellen im Allianz-Konzern in den kommenden Jahren im Zuge der KI-Transformation noch wegfallen könnten, wollte Bäte nicht konkretisieren. Er betonte aber, dass es künftig in einigen Bereichen weniger Mitarbeiter geben werde, in vielen Bereichen allerdings auch mehr. „Wir können unseren Mitarbeitern nicht versprechen, dass sie ihren jetzigen Job behalten. Wir werden aber diejenigen unterstützen, die bereit sind, sich weiterzuentwickeln und in sich selbst zu investieren“, sagte Bäte.



