Der Hausärztinnen- und Hausärzteverband hat die von der Koalition geplanten schärferen Regeln für Krankschreibungen als „reine Symbolpolitik“ kritisiert und fordert, statt die telefonische Krankschreibung abzuschaffen, den „Wildwuchs“ bei Videosprechstunden-Anbietern zu stoppen. Die Bundesvorsitzende Nicola Buhlinger-Göpfarth sagte der „Rheinischen Post“, die geplanten Änderungen würden weder den Krankenstand senken noch Missbrauch verhindern.
Kritik an geplanten Verschärfungen
Union und SPD wollen die Krankschreibung erschweren, um die hohen Fehlzeiten in Unternehmen zu reduzieren. Künftig soll eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung bereits ab dem ersten Fehltag vorgelegt werden müssen, statt wie bisher ab dem vierten Tag. Zudem soll die seit Ende 2023 unter bestimmten Bedingungen mögliche telefonische Krankschreibung wieder abgeschafft werden. Kanzler Friedrich Merz (CDU) begründete die Pläne mit zu vielen Krankentagen. Laut Regierungssprecher Stefan Kornelius bedeutet die geplante verpflichtende Vorlage einer AU ab dem ersten Tag jedoch nicht, dass man direkt am ersten Tag zum Arzt gehen müsse.
Hausärzte sehen Missbrauchspotenzial bei Videosprechstunden
Buhlinger-Göpfarth betonte, dass die telefonische Krankschreibung nicht mehr Missbrauchspotenzial berge als ein Praxisbesuch, da sie daran gebunden sei, dass die Praxis die Patientinnen und Patienten kenne. „Wenn irgendwo großes Missbrauchspotenzial liegt, dann bei anonymen Plattformen, die damit Profit machen und ihre Kunden nicht einmal kennen. Dort ist Betrug Tür und Tor geöffnet und nicht in unseren Praxen!“, so die Verbandsvorsitzende. Sie forderte, den „Wildwuchs“ bei Videosprechstunden-Anbietern zu begrenzen, die teils aggressiv mit schnellen Krankschreibungen werben.
Wissenschaftliche Grundlage fehlt
Der SPD-Gesundheitsexperte Christos Pantazis äußerte sich ebenfalls skeptisch: „Tiefgreifende Änderungen bei den Regelungen zur Arbeitsunfähigkeit müssen auf einer belastbaren wissenschaftlichen und empirischen Grundlage beruhen.“ Derzeit gebe es keine Belege, dass die Krankschreibung per Telefon ursächlich für einen Anstieg der Krankenstände sei. Die Pläne der Koalition stoßen auf breite Proteste, insbesondere weil mehr Erkrankte direkt in ohnehin überlastete Praxen gehen müssten.
Pragmatische Lösungen gefordert
Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) warb für pragmatische Lösungen. Bei der Umsetzung müsse darauf geachtet werden, ob man bereits „am“ ersten Tag eine Krankschreibung brauche oder „für“ den ersten Tag. Er halte es für klug, wenn Arbeitnehmer auch erst am zweiten oder dritten Tag der Erkrankung beim Arzt vorstellig werden könnten und für die vorhergehenden Tage die Bescheinigung bekämen. „Insofern ist die Aufregung vielleicht ein guter Anlass zur Klarstellung“, sagte Wüst in Richtung Bund. Die genaue Ausgestaltung der erschwerten Krankmeldung ist bislang noch unklar.



