Krankheitstage in Europa: Sind Deutschlands Reformen ein Irrweg?
Krankheitstage: Deutschlands Reformen im EU-Vergleich

Die Bundesregierung plant, dass Arbeitnehmer künftig bereits ab dem ersten Krankheitstag eine ärztliche Bescheinigung vorlegen müssen, um angeblichem Missbrauch entgegenzuwirken. Diese Reform, vorangetrieben von Bundeskanzler Olaf Scholz, soll die Zahl der Krankmeldungen reduzieren. Doch ein Blick auf andere europäische Länder zeigt: Dort setzt man auf ein anderes Modell – Karenztage.

Karenztage als Alternative

In Ländern wie Schweden, Norwegen oder Großbritannien gibt es sogenannte Karenztage: Arbeitnehmer erhalten für die ersten Tage einer Krankheit keine Lohnfortzahlung. In Schweden beträgt der Karenztag einen Tag, in Norwegen sogar bis zu 16 Tage. Dies soll die Eigenverantwortung stärken und unnötige Arztbesuche vermeiden. Deutschland hingegen hat eine der großzügigsten Regelungen: Die Lohnfortzahlung beginnt ab dem ersten Krankheitstag und beträgt 100 Prozent des Gehalts für bis zu sechs Wochen.

Deutschland plant strengere Nachweise

Die geplante Reform sieht vor, dass Arbeitnehmer bereits am ersten Tag ein ärztliches Attest vorlegen müssen, wenn der Arbeitgeber dies verlangt. Bisher ist dies erst ab dem dritten Tag erforderlich. Laut Bundesregierung soll dies Missbrauch verhindern. „Wir wollen sicherstellen, dass Krankschreibungen nur dann ausgestellt werden, wenn tatsächlich eine Erkrankung vorliegt“, erklärte ein Sprecher des Bundeskanzleramts. Allerdings gibt es Kritik: Ärzteverbände warnen vor unnötigen Arztbesuchen und zusätzlicher Bürokratie.

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Statistiken im europäischen Vergleich

Laut einer Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) aus dem Jahr 2023 liegen die durchschnittlichen Krankheitstage in Deutschland bei etwa 15 Tagen pro Jahr. In Schweden sind es nur 8 Tage, in Norwegen 12 Tage, in Großbritannien 7 Tage. Allerdings ist die Arbeitsunfähigkeitsrate in Deutschland auch stark von der Branche abhängig: Im öffentlichen Dienst sind es durchschnittlich 20 Tage, in der Industrie 12 Tage. Die Reform könnte laut Experten vor allem geringfügig Beschäftigte treffen, die sich keinen Arztbesuch leisten können.

Experten bezweifeln Erfolg

Arbeitsmarktforscher wie Prof. Dr. Hans-Jürgen Bäcker von der Universität Duisburg-Essen kritisieren die Reform: „Die Einführung einer ärztlichen Bescheinigung ab dem ersten Tag wird kaum Missbrauch verhindern, sondern vor allem zu mehr Verwaltungsaufwand führen.“ Stattdessen plädiert er für eine Flexibilisierung der Arbeitszeit, um kranken Arbeitnehmern die Möglichkeit zu geben, von zu Hause aus zu arbeiten. Auch die Gewerkschaften lehnen die Reform ab: „Die Bundesregierung schießt übers Ziel hinaus“, so ein Sprecher des Deutschen Gewerkschaftsbunds.

Internationale Beispiele

In den Niederlanden müssen Arbeitnehmer bereits ab dem ersten Tag eine Krankmeldung beim Arbeitgeber einreichen, aber eine ärztliche Bescheinigung ist erst nach zwei Wochen erforderlich. In Frankreich gibt es eine dreitägige Karenzzeit, in der der Arbeitgeber kein Gehalt zahlen muss. In Italien ist eine ärztliche Bescheinigung ab dem ersten Tag erforderlich, jedoch mit strengen Kontrollen. Deutschland scheint mit seinem Modell der Lohnfortzahlung ab dem ersten Tag eine Ausnahme zu sein. Die geplante Reform könnte daher zu mehr Bürokratie führen, ohne die Krankheitstage signifikant zu senken.

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