Spahn und die Flucht in die kollektive Verantwortung
Spahn und die Flucht in die kollektive Verantwortung

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat in einem Interview eingeräumt, dass bereits im Oktober härtere Maßnahmen gegen die Pandemie hätten ergriffen werden müssen. Doch statt klarer Verantwortungsübernahme folgt eine Relativierung: Die Schuld liege bei allen, nicht allein bei der Politik.

Spahn erklärte, die Ausbreitung des Virus sei nicht nur eine Frage politischer Entscheidungen, sondern auch des Verhaltens jedes Einzelnen. „Wir sitzen alle in einem Boot“, sagte er. Damit verwischt er die Grenzen zwischen staatlichem Handeln und individueller Verantwortung, obwohl zentrale Maßnahmen wie Schulschließungen oder Kontaktbeschränkungen allein der Politik obliegen.

Der Minister behauptet zudem eine kollektive Fehleinschätzung: Alle hätten das Virus im Griff geglaubt und die Rückkehr unterschätzt. Diese Darstellung widerspricht Umfragen und Warnungen von Experten, die bereits im Sommer und Herbst auf die Gefahr einer zweiten Welle hinwiesen. Auch Kanzlerin Angela Merkel mahnte frühzeitig zu entschlossenem Handeln.

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Spahn beschreibt zwar ein Versagen der Politik, übernimmt aber keine persönliche Verantwortung. Stattdessen schiebt er die Schuld einer diffusen „Gesellschaft“ zu. Dabei ist politische Verantwortung in einer Demokratie unverzichtbar: Gewählte Amtsträger müssen Entscheidungen rechtfertigen und Fehler eingestehen können.

Der Minister hatte selbst gesagt, man werde sich in einigen Monaten viel verzeihen müssen. Doch Verzeihen setzt voraus, dass Verantwortung klar benannt wird – nicht, dass sie in einem kollektiven „Wir“ verschwindet.

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