Jens Spahn: Ein Politiker zwischen Dorfidylle und Berliner Machtzentrum
Im aktuellen MayWay-Podcast gewährt CDU-Fraktionsvorsitzender Jens Spahn tiefe Einblicke in sein Privatleben, seine Herkunft und die Werte, die ihn prägen. Der 45-jährige Politiker, der seit mehr als zwei Jahrzehnten im politischen Geschäft tätig ist, bleibt fest verwurzelt in seinem 3000-Einwohner-Dorf Ottenstein an der niederländischen Grenze.
Die prägenden Jahre im Heimatdorf
„In der Mitte steht die Kirche. Mein Elternhaus ist 200 Meter davon entfernt“, beschreibt Spahn die geografische und emotionale Zentrierung seiner Kindheit. Zwischen Dorfstraße und Kirchturm verbrachte er seine Jugendjahre – als Messdiener, bei der Ostereiersuche und im festen Rhythmus des katholischen Glaubens. „Ostern ist für jemanden, der wie ich eher Kultur-Christ, aber eben Christ ist, einfach ein schönes Fest“, erklärt der Politiker.
Für den Christdemokraten ist Religion mehr als nur Ritual: „Das Wissen darum, dass da jemand ist, gibt mir eine tiefe innere Gelassenheit und Ruhe. Mein Glaube trägt mich. Gerade dann, wenn es schwer wird.“ Dieses religiöse Fundament bildet bis heute das Gerüst seiner Weltanschauung.
Familie als höchster Wert
Als ältestes von drei Geschwistern lernte Spahn früh Verantwortung zu übernehmen. „Wir haben erst zu dritt in einem Zimmer geschlafen. Später mein Bruder und ich. Natürlich war es auch nicht immer konfliktfrei. Aber es war Nähe. Zusammenhalt“, erinnert er sich. Bis heute gilt für ihn: „Wenn Schwester oder Bruder, unsere Mutter oder sonst jemand aus der Verwandtschaft anruft und ein Problem hat, bin ich da. Ich helfe und unterstütze. Familie steht für mich über allem.“
Seine Bindung zum Heimatdorf beschreibt er als unverzichtbaren Rückzugsort: „Unser Dorf, das ist Geborgenheit.“ Wenn er heute dorthin zurückkehrt, zählt kein Amt. „Das ist einfach mein Zuhause. Da muss ich auch nichts erklären. Es geht nicht um Macht, sondern um den Menschen. Da bin ich einfach der Jens.“ Seit seiner Teenagerzeit gehört er zum Stammtisch „Hau wech“ – ein Ort ohne Protokoll und politischen Druck.
Private Herausforderungen und politische Konsequenzen
Nicht alles im Familienleben verlief idyllisch. Die schwere Depression seines Vaters Georg Spahn, der 2024 verstarb, prägte den Politiker nachhaltig. „So eine Depression zu sehen, eine Schwere, und was sie machen kann mit einem Menschen. Das war hart und hat viel verändert bei mir“, gesteht Spahn. Zweimal traf die Krankheit in Schüben die Familie und veränderte das Vater-Sohn-Verhältnis grundlegend.
Diese persönliche Erfahrung habe ihn politisch geprägt: „Als Bundesgesundheitsminister bekam ich durch das persönliche Leid einen anderen Blick auf psychische Erkrankungen. Sensibler, informierter, weniger abstrakt.“ Er spricht offen über die Tabuisierung psychischer Krankheiten: „Depressionen sind immer noch mit vielen Tabus belegt.“
Politische Laufbahn und persönliche Identität
Die politische Leidenschaft begann früh: Mit 18 Jahren, frisch den Führerschein in der Tasche, fuhr Spahn am Tag nach seiner Geburtstagsparty zum CDU-Parteitag nach Bremen. „Politik war mein Hobby. Ich wollte einen Unterschied machen“, erklärt er seine Motivation. Zehn Jahre kämpfte er für eine andere Migrationspolitik, als Gesundheitsminister führte er die Masern-Impfpflicht ein.
Die Coronapandemie ab 2020 bezeichnet er als „forderndste Zeit“ seiner Karriere. Der 8. März 2021 sei ein Tag gewesen, an dem er „persönlich ziemlich durch war. Impfen lief nicht, Testen lief nicht. Ich bekam Druck von allen Seiten“. Dennoch betont er: „Geweint habe ich nicht. Es braucht ziemlich viel, um mich umzuhauen.“
Privates Glück und gesellschaftlicher Wandel
Seit dem 22. Dezember 2017 ist Jens Spahn mit dem Journalisten Daniel Funke (44) verheiratet. Dass er heute ganz selbstverständlich von „meinem Mann“ spricht, war nicht immer denkbar. „Ich hatte nie eine Freundin“, erinnert er sich an seine Jugend. Sein Outing beschreibt er als leises Wissen ohne großen Knall.
„Es waren die 90er Jahre. In unserem Dorf gab es das nicht“, erklärt Spahn die damalige Situation. Ohne Bitterkeit fügt er hinzu: „Heute nehme ich mit Freude zur Kenntnis, wie selbstverständlich gleichgeschlechtliche Partner leben. Früher ist man weggezogen oder hat sich verstellt.“ Mit 16 oder 17 Jahren sprach er mit seinen Eltern über seine Homosexualität – ein Gespräch, das er als „großes Glück“ bezeichnet, da seine Eltern gut damit umgegangen seien.
Auf die Frage nach der Haltung der katholischen Kirche zu Homosexualität antwortet Spahn nüchtern: „Bei der Kirche hat mich ehrlicherweise nie interessiert, wie sie zu Homosexualität steht.“
Gegenwart und Zukunft
Heute führt Spahn die Unionsfraktion im Bundestag – ein Job, den er als komplexer beschreibt als seine vorherigen Positionen. „Das ist wie Knorpel sein. Da kommt von vielen Seiten was. Meine Aufgabe ist es, alles in Balance zu bringen“, sucht er nach einem treffenden Bild.
Was ihm Halt gibt, sind die einfachen Dinge: das Patenkind, das ihn „Onkel Jens“ nennt, der Gedanke an Ostern, das Dorf und seine Mutter, die noch in Ottenstein lebt. Zu Ostern fliegt er mit seinem Mann und dem achtjährigen Patenkind nach London, um die Harry-Potter-Studios zu besuchen – ein privater Moment fernab politischer Verpflichtungen.
Jens Spahn bleibt damit ein Politiker zwischen zwei Welten: verankert in der ländlichen Idylle seines Heimatdorfes und gleichzeitig verantwortlich für die Geschicke der größten Oppositionsfraktion im Deutschen Bundestag.



